Aufsatz 
Marcel Prévost als Jugenderzieher
Entstehung
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5.

und allein in der Ehe zu ſuchen, ſie kann auch anderwärts ihr Lebens⸗ glück begründen. Dennoch verkennt Prévoſt den wahren Beruf der Frau nicht, und er gibt ihr deshalb den Rat, ſich möglichſt früh zu verheiraten. Und auch in der Ehe kommt ihr natürlich eine umfaſſende Erziehung zu ſtatten; mit größerer Ruhe und Sicherheit wird ſie ihre Wahl treffen können, und mit größerer Ruhe und Selbſtſicherheit wird ſie die Ehe eingehen können, ſie weiß, ſie iſt für die Erfüllung der Pflichten, die ihr hier harren, wohl vorbereitet.

Alle dieſe Fragen der Mädchenerziehung beſpricht Prévoſt in ſeinen lettres à Françoise. Er iſt hier ein alter, lieber erfahrener Onkel, der ſeiner Nichte, die ſich im Penſionate befindet, auf ihren Wunſch Briefe über alle ſie intereſſierenden Gegenſtände ſchreibt und ſo ihre Er⸗ ziehung, die ſie im Penſionat empfängt, in wertvoller Weiſe ergänzt.

Er hat das Glück, eine wirklich folgſame Schülerin zu haben, ſie verlobt und verheiratet ſich glücklich.

Natürlich, als guter Onkel muß auch er ſein Scherflein zum trousseau beitragen, und da verſpricht er Frangçoise, ihr auch ferner⸗ hin mit ſeinem Rat zur Seite zu ſtehen; ſoll ſie dereinſt glückliche Mutter werden, ſo will er gerne einen Teil ihrer Erziehungspflichten übernehmen, er will ſie leiten, beraten, überwachen.

Und dieſes Verſprechen erfüllt er in ſeinenlettres à Françoise Maman. Doch das tut er nicht etwa in trockener, nüchterner Dar⸗ ſtellung, in der Form, wie ſo häufig Erziehungsfragen behandelt wer⸗ den; er weiß, ſo würde es ihm mißlingen, das Intereſſe der an⸗ ſpruchsvollen jungen Frau zu gewinnen; nein, in bisweilen geradezu entzückender Darſtellung ſchreibt er ſeiner Nichte eine Reihe von Briefen, in denen er ſeine Erfahrungen und Beobachtungen über die heutige Jugend ausſpricht und daran anknüpfend ſeine eigenen Gedanken über Kindererziehung niederlegt.

Er weiß, es ſind ſchwere Fragen, über die er handelt, und er legt ſich ernſtlich die Frage vor, ob er, der Junggeſelle, wirklich berechtigt iſt, ein ſolches Buch zu ſchreiben. Doch auf Schritt und Tritt ſehen wir, daß er trefflich vorbereitet iſt für ſeine Aufgaben, er hat ſeine Vorgänger, wie einen Fénélon, Rousseau u. a., ſtudiert, und an der nötigen Beobachtung der Jugend hat es ihm wahrlich nicht gefehlt. Ja, er hat ſogar praktiſche Erfahrung, er hat die beiden Kinder ſeiner Nichte auf das Land begleitet und dort ſelbſt ihre Erziehung geleitet.

Er weiß ferner, daß Lehren, mögen ſie auch noch ſo gut und ſchön ſein, ſich nicht immer ausführen laſſen. Beſonders wird man dies befürchten bei ſeinem Erziehungsideal, wie er es in ſeinem Geiſte