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kurz, er will die Geſellſchaft erziehen. Allerdings, ſeine Darſtellung iſt nicht immer einwandfrei, aber überall in all ſeinen Romanen, bei all ſeinen Geſtalten finden wir dieſelben moraliſchen Bedrückungen, dieſelbe ſchmerzvolle Gewiſſensunruhe, die gleichen moraliſchen Probleme.„Das Leben erſcheint in den Augen des Verfaſſers“, ſo ſagt ein franzöſiſcher Kritiker,„durchaus nicht wie eine Folge von Tatſachen, die nach den Geſetzen der Kauſalität aufeinander folgen müſſen und die keinen höheren moraliſchen Sinn haben; es ſcheint ihm im Gegenteil, daß es bisweilen eine gewiſſe Anzahl von Kriſen, von Problemen zuläßt, die man löſen muß um jeden Preis und in einem Sinn, der gleichzeitig Herz und Verſtand befriedigt“.
Und daß es Prévoſt wirklich ernſt iſt mit dieſer ſeiner Erzieher⸗ aufgabe, das ſehen wir an zwei ſeiner jüngſten Werke„les lettres à Françoise“ und„les Lettres à Frangoise Maman“.
Hat er bisher nur kritiſiert und ſeine tiefe Unzufriedenheit mit der heutigen franzöſiſchen Geſellſchaft bekundet, hat er bisher nur niedergeriſſen, ſo geht er jetzt in dieſen Werken dazu über, aufzubauen, an der Beſſerung der Zuſtände ſelbſt tätige Hand anzulegen; er gibt praktiſche Ratſchläge für eine neue Art der Erziehung, um ſo eine beſſere Generation heranbilden zu helfen.
Nicht ohne Grund ſind ſeine Briefe über Erziehung in beiden Werken an eine„Frangoise“ gerichtet. Er weiß, welch wichtige Rolle die Frau, die Mutter im Erziehungsgeſchäfte bildet. Und deshalb gilt ſeine beſondere Sorgfalt gerade ihr.
Je tiefer, umfaſſender ihre Herzens⸗ und Geiſtesbildung iſt, deſto beſſer wird ſie dereinſt die Erziehung ihrer Kinder leiten können. Prévoſt verlangt deshalb für Knaben und Mädchen bis zum 16. Lebensjahre eine vollſtändig gleiche Erziehung. Wenn das junge Mädchen wirklich gebildet ſein will, dann muß ſie alles lernen, was die Pflege des Geiſtes aus⸗ macht, ſie ſoll alſo z. B. auch mit Griechiſch und Lateiniſch ſich be⸗ ſchäftigen, ebenſo wie das die Knaben tun. Daneben darf aber durch⸗ aus nicht der mehr auf das Praktiſche gerichtete Unterricht vernach⸗ läſſigt werden; er denkt dabei z. B. an die Unterweiſung in der Führung des Haushaltes. Er empfiehlt obendrein noch die Erlernung eines praktiſchen der Frau angemeſſenen Berufes. Denn nur ſo iſt das junge Mädchen für den ſpäteren Kampf ums Daſein gerüſtet. Iſt ſie ſo vorbereitet, dann wird ſie mit vollem Vertrauen in den Wettbewerb der Geſchlechter eingreifen, wird vollſtändig frei ihr Leben zimmern können. Sie braucht nicht, wie es bisher bei dem jungen Mädchen, das er ſcherzhaft„la petite oie blanche“ nennt, der Fall war, ihr Heil einzig


