Aufsatz 
Zu Schillers 150jährigem Geburtstag: Seine Bedeutung für die nationale Erziehung unserer Zeit
Entstehung
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wissen schlief. Wenn aber dann die Not kam, es mochten äussere Feinde sein oder Fragen, die die Existenz des Staates im Innern betrafen und um eine solche handelt es sich gegenwärtig dann traten Männer auf, die in Wort und Schrift das Volk aufrüttelten aus der Beschaulichkeit und der Enge kleinbürgerlichen Daseins und ihm Führer wurden und Erzieher zu nationalem Leben.

Ein solcher Mann war Schiller. Zu seiner Zeit konnte von einem deutschen Staate schon nicht mehr die Rede sein, und Schiller sah das Ziel, nach welchem die Deutschen in ihrem Verlangen nach nationalem Zusammenhang streben mussten, in der Durchbildung deutscher Eigenart. Diese sollte das gemeinsame Band sein, das alle umschlang auch bei fehlender staatlicher Einheit. Ja er verhiess deutschem Wesen eine Bedeutung über Deutschlands Grenzen hinaus. Wo immer ein Volk in sich edlere Eigen- schaften entwickele, da müssten diese deutsches Gepräge tragen. Die Deutsche Art sah der Dichter als eine Entwicklungsstufe der zu vollkommenem Menschentum sich durchbildenden Menschheit an. Schiller betrachtete es in UÜbereinstimmung mit Goethe als seine Aufgabe, die Deutschen zu dieser welt- bürgerlichen Stellung zu erziehen. So hat er auch hervorragenden Anteil an dem geistigen Aufschwung seiner Zeit, welcher dann zu nationaler Erhebung und später zu staatlicher Einigung Deutschlands führte.

Was Schiller seinen Zeitgenossen war, das kann und soll er auch uns sein. Es haben sich Stimmen erhoben, die das bestreiten. Sie behaupten, ein Dichter, der in schönen Worten und Gefühlen schwärme, dessen Werke der Wirklichkeit nicht ent- sprechende Idealbilder seien, könne nicht Führer ernsthaft denkender, mitten im Kampfe des wirklichen Lebens stehender Männer sein, noch dazu in ſeiner Zeit, welcher Fortschritt auf dem Gebiete der Technik und wirtschaftlicher Umschwung den Charakter gäben. Eine solche Meinung verrät Mangel an Verständnis für Schillers Werke und Wesen. Worte und Gedanken dieses Dichters, ans Willensstärke entsprungen und Willensstärke erzeugend, können jedem, der sie versteht, Leitsterne fürs Leben sein, und die Gestalten, die der Dichter schuf, entsprechen der Wirklichkeit, wie sich ihr Schöpfer für diese stets den Blick bewahrte bei allem Streben nach höherem Menschentum. Und dieser Dichter, dessen Gedankenkreis die ganze Tiefe und Weite des menschlichen Daseins umfasst, kann Duns Deutschen auch ein Erzieher zu nationalem Leben sein.

Die Natur in ihrem ewigen unfehlbaren Gange ist Gesetzen unterworfen, wie vielmehr der Mensch, der vergängliche, der irrende. Aber da er erkennt, dass Gesetze notwendig sind, unterwirft er sich freiwillig der gesellschaftlichen Ordnung, dem Staat.

Heil'ge Ordnung, segensreiche Himmelstochter, die das Gleiche Frei und leicht und freudig bindet, Die der Städte Bau gegründet,

Die herein von den Gefilden

Rief den ungesell'gen Wilden.

Aber, obwohl der Mensch die Gebundenheit im Staate in ihrer Notwendigkeit anerkennt, macht er doch auch als Bürger auf das Recht der Selbstbestimmung Anspruch. Nicht Despotenlaune soll den Staat regieren. Dann befindet sich der Herrscher bald auf einsamer Höhe wie König Philipp. Sondern der Fürst muss seinem Volke das Recht gewähren, seine Gedanken frei zu äussern. Als Marquis Bosa dem König Philipp gegen-