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über seine Gedanken entwickelt, wie er sich ein wahrhaft weise regiertes Volk denkt, da gipfelt seine Rede in dem Ausruf:„Geben Sie Gedankenfreiheit!“
Dagegen muss das Volk in dem Herrscher den Vertreter des Staates ehren und darf erst, wenn der Träger der Krone in menschlicher Verblendung mit seiner Stellung Missbrauch treibt, zur Selbsthilfe greifen.— Als die Schweizer auf dem Rütli beraten, wie sie sich von der Willkür ihrer Bedrücker befreien wollen, da spricht Stauffacher die Worte:
„Denn herrenlos ist auch der Freiste nicht. Ein Oberhaupt muss sein, ein höchster Richter, Wo man das Recht mag schõpfen in dem Streit.“
Aber derselbe Mann gibt in einem späteren Teile seiner Rede auch der Uber- zeugung Ausdruck:. „Nein eine Grenze hat Tyrannenmacht.
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Last— greift er Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
Die droben hangen unveräusserlich
Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst.“
Mit dem Gedeihen des Staates aber ist das Wohl der einzelnen Bürger eng ver- wachsen. Die Ratsherren von Orleans gehen Karl VII. dringend um Hilfe an; denn in dem Staate wurzelt das Dasein ihrer Stadt. Andrerseits ist in dem Adel, der sich um Karl VII. schart, der Gedanke verkörpert, dass jeder dem Staate dienen muss mit Gut und Blut. Graf Dunois erhebt gegen des Königs schwaches Zurückweichen vor dem Ansturm des Feindes lebhaften Widerspruch, und sein ritterliches Ehrgefühl begeistert ihn zu dem Ausruf:
„Nichtswürdig ist die Nation, die nicht Ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre!“—
Wenn schon aus diesen Beispielen hervorgeht, dass in Schiller der Staatsgedanke lebt und in den von ihm geschaffenen Gestalten sich verkörpert, so erweist sich seine Bedeutung für nationale Erziehung auch aus seiner Lehre, dass das flüchtige Dasein des einzelnen unvollkommenen Menschen nur Wert hat, wenn es in Beziehung zu der zu vollkommenem Menschentum sich entwickelnden Menschheit tritt. Als Glied jener Kette von Millionen, die die Menschheit aus- machen, muss auch der einzelne an jener Entwicklung teilnehmen, hat auch er ein Stück Kulturarbeit zu verrichten. Wenn nun auch diese Tätigkeit unbemerkt bleibt, so hinter- lässt doch merkbare Spuren die Gemeinschaft vieler, d. h. ein Volk, wenn es im Dienste der Menschheit arbeitet. Dem Volke gleich kommt oft in der Geschichte ein einzelner Auserwählter, der seine Zeitgenossen so hoch überragt, dass er schon für sich eine Ent- wicklungsstufe der steigenden Kultur bedeutet. Aber er ist abhängig von dem Volke, dem er entstammt, und unter denselben Bedingungen, unter denen dieses sein Leben führt, erfüllt er seine Aufgabe. Dem Volke aber verleihen die Volksgenossen den Charakter. So sehr es nun einer natürlichen Neigung entspricht, wenn wir unser persönliches Leben nach unserm Geschmack einrichten, so ist es auch unsere Pflicht, die Volksgemeinschaft, den Staat, dem wir angegliedert sind, zu fördern. Diese Pflicht erfüllen wir auf Kosten jener Neigung; denn das Wohl des Staates fordert oft, dass wir persönlichen Vorteil opfern. Wir sollen aber dieses Opfer freudig bringen in dem Bewusstsein, dass wir,


