Aufsatz 
Die Erdbeben des vorderen Kleinasien in geschichtlicher Zeit
Entstehung
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Küste mitrechnet. Diese Lage spielt sicher eine gewichtige Rolle dabei, dals die Zahl seiner Erdbeben so auſserordentlich grols ist. Dasselbe gilt für Chios. Die Erschütterungen von Smyrna sind meist lokaler Natur. Bei einzelnen wird auch seine Umgebung in Mitleidenschaft gezogen. Am seltensten greift die Verbreitung den Seitenlinien entlang nach Osten. Am häufigsten herrschen gleichzeitig Erdbeben auf Chios. Von 20 Jahrgängen seit 1850 haben 14 die Tage ihrer Beben ganz oder teilweise mit solchen in Smyrna gemeinsam. Die Stöfse von Chios, deren Richtung angegeben ist, zeigen sämtlich ostwestlichen Verlauf, was ebenfalls auf ihre Herkunft von Smyrna hinweist. Schon Lesbos hat unter seinen 21 Erdbebenjahren dieses Jahrhunderts nur 8, in welchen es analoge Daten für Smyrna giebt. Im Süden hat Samos von 20 Jahrgängen im XIX. Jahrhundert nur 7 derartige Jahre. Bei vier keineswegs leichten Beben von Smyrna sind die Grenzen mitgeteilt. Einmal sind die Orte Medemen, Manissa, Trianda und Vurlai), ein anderes Mal Pergamum, Aldin, Kassaba und Karaburun ²) als Grenzpunkte angegeben. Die übrigen zwei Male sind 20Jieues als Gröſse des Radius des Schüttergebietes angeführt. Dies ist ein Kreis, der Samos und den Samsun-Dagh im Süden, den halben östlichen Teil von Chios und den äuſsersten Süden von Lesbos einschliefst; im Osten verläuft seine Peripherie etwa auf der Linie Salikli-Aidin. In Smyrna sind Stölse aller Himmelsrichtungen beobachtet. Die N.-S., 0.-W. und N.-O.-S.-W.-Richtungen halten sich etwa das Gleichgewicht. Die Inseln Lemnos, Imbros, Lesbos, Samos ³) und Chios⁴) sind auch selbständige Erschütte- rungsherde, wie ihre manchmal zu Katastrophen anwachsenden Erdbeben beweisen. Bekannt ist das schreckliche Erdbeben, welches im Jahre 1881 tausende von Häusern auf Chios in Trümmer verwandelte. Das Epicentrum dieses Bebens lag nach G. v. Rath) 2 km östlich von der Stadt Chios, ein Kreis mit einer Radiuslänge von 2 Meilen um dieses Epicentrum beschrieben, enthält alle auf der Insel wie auf dem Festland(Bezirk Tscheschme) verwüsteten Städte und Dôrfer. Auf Lesbos sind die senkrechten und ostwestlich gerichteten undulatorischen Stölse vorherrschend, auf Samos sind alle Richtungen gleichmäſsig vertreten; allerdings sind nur von wenigen Stölsen die Richtungen bekannt. Auf Imbros) zeigen die Stöfse der gewaltigen Katastrophe vom Jahre 1859 im allgemeinen westöstliche Richtung. Der Ingenieur Ritter in Konstantinopel, Berichterstatter Perreys, fügt seinem Berichte bei, die Ostwestrichtung sei die Streichrichtung der tertiären Sandsteinschichten dieser Insel.

Von der Troas sind nur wenige Erdbeben bekannt. Die gegebenen Daten haben mit denjenigen von Lesbos und Smyrna kein einziges, mit denjenigen der Dardanellen nur eines gemeinsam. Tozer) berichtet, sein Wirt, ein Grieche, habe anläſslich eines Erdstolses bemerkt, dies sei nichts Ungewöhnliches in dieser Gegend. In der That mufs man gemäſs der örtlichen Eigentümlichkeiten annehmen, daſs eine gröſsere Zahl von Erdstöſsen die Troas getroffen hat. Die beobachtete Zertrümmerung) von Bau- denkmälern durch Erdbeben bestätigt dies.

Aus den angeführten Thatsachen wird folgendes Resultat gewonnen. An fast allen Orten der Längszone ist zwischen ursprünglichen und fortgepflanzten Stöſsen zu unterscheiden. Fast jedes Glied der Längszone hat sich im Laufe der Geschichte ein oder mehrere Mal als selbständiger Schütterherd erwiesen. Die geringe Ausdehnung der einzelnen Schüttergebiete, der bezeichnendste Zug der Beben der Längszone, kann eine zweifache Erklärung finden. Am nächsten liegt die Vermutung, dals die Erderschütterungen im allgemeinen in verhältnismäſsig geringer Tiefe ihren Ursprung haben. Stellt man sich vor, dafs die Schichten von tiefgehenden Spalten durchzogen sind, welche die Wellen auf ihrem Wege zur Erdoberfläche hemmen, so läfst sich auch die Annahme eines tiefen Centrums mit den Thatsachen in Einklang bringen. In letzterem Falle bleibt als einzige Erklärung für die groſse Verbreitung einzelner

¹) Perrey, M. C. XIV. ²) Ebenda. ³) Perrey, M. C. XIII, nach einem Briefe Ritters.) Fuchs in Tschermaks Mitt. Jahrg. 1883, und G. v. Rath, Durch Italien u. Griech. zum hl. Land I, p. 313.) Researches in the Highlands of Turkey, London 1869, I, 6.) Schliemann, Ilios, Leipzig 1881, 26; Troja, Leipzig 1884, 29.