Aufsatz 
Die Erdbeben des vorderen Kleinasien in geschichtlicher Zeit
Entstehung
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Niveauverschiebungen der lykischen Küste bezug haben, hier zu besprechen, würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten. Das für die vorliegende Betrachtung Wichtige soll kur, mitgeteilt werden. Neumayr ¹) und Tietze ²) nehmen wegen der Art der die Küste bildenden Ablagerungen an, dals in diluvialer Zeit grolse Veränderungen an der lykischen Küste in der Begrenzung des Festen statthatten. Eine Menge von Thatsachen beweist zur Evidenz, dals noch in geschichtlicher Zeit die Küste z. T. unter das Niveau des Meeres gesunken ist. Die Behauptung, diese positive Niveauverschiebung resultiere aus einem Ansteigen des Meeresspiegels, wird durch verschiedene Gründe widerlegt. Hauptsächlich spricht gegen diese Annahme, dals an benachbarten Küsten, z. B. an der Westküste Kleinasiens, ein Ansteigen des Meeres nicht stattfindet 3). Ja hier sowohl, wie auch in der Bucht von Issus, ist im Gegenteil ein bedeutender Landzuwachs nachgewiesen worden. Neuerdings tritt Luschan4) ganz besonders für die Annahme einer positiven Niveauschwankung an der lykischen Küste ein. Daſs die lykische Küste noch immer nicht in Ruhe verharrt, peweisen die Erdbeben, welche dieselbe oft mit grolser Heftigkeit heimsuchen und von Spaltenbildungen und Senkungen begleitet sind, wie obige Berichte zeigen. Und wie die Küste noch in steter Veränderung begriffen ist, so hat auch die Gebirgsbildung Lykiens noch nicht ihren Abschlufs erreicht. Die Erderschütterungen, welche häufig Orte im Inneren Lykiens in geschichtlicher Zeit getroffen haben, sind als die Kuſserungen von Kräften aufzufassen, welche unter der Erdoberfläche an der Umgestaltung der Oberflächenformen der lykischen Halbinsel arbeiten. Der Karstcharakter dieser Halbinsel endlich zwingt zu der Annahme, daſs Auswaschungsbeben hier keine fremde Erscheinung sind. Wie für Rhodus müssen wir auch für Lykien die Möglichkeit des Vorkommens beider Typen von Beben zugeben.

2. Die Längszone.

Gehen wir zur Betrachtung der Längszone über. Im allgemeinen erstrecken sich gleichzeitig Erdbeben nur auf einen kleinen Teil derselben. Weit verbreitete Erschütterungen gehören zu den Seltenheiten. Sehr bezeichnend ist für die meisten Orte der Längszone die lange Dauer der seismischen Erscheinungen. Verheerende Katastrophen fehlen zwar nicht, doch sind sie im Verhältnis zu der grolsen Zahl der Erschütterungen überhaupt selten. Wenn sie auftreten, zeigen sie anfangs grolse Stärke und Heftigkeit, die zuweilen im späteren Verlauf wiederkehrt. Allmählich kommt die Erde dann nach meist langer Dauer der Bewegung zur Ruhe.

Ihrer Lage nach erscheinen Rhodus und Smyrna als am meisten beanspruchte örtlichkeiten der Längszone. Ersteres an dem Wendepunkt der Süd- in die Westküste gelegen, zeigt bezüglich seiner Beben Beziehungen zu den nordnordwestlich von ihm parallel der Küste hinziehenden Inseln, zu der ihm nordlich gegenüberliegenden Küste Kleinasiens und zu der Südküste des letzteren, besonders zu Makri. Die genannten drei Gegenden weisen Erschütterungen auf, deren Herkunft von Rhodus unleugbar ist. Anderer- seits verfügen sie indessen zweifellos über eigene, in ihrem Gebiet ursprüngliche Beben. Im allgemeinen reichen Beben von Rhodus in den drei bezüglichen Richtungen nicht weiter, als bis Samos, Muhla und Makri. Von 32 Stöfsen mit bekannter Stolsrichtung haben 22 ostwestlichen(bezw. westöstlichen) Verlauf; auſser zwei mit N. W. S.O.-Richtung haben die übrigen Nord-Süd-Richtung.

Auffallend ist die Spärlichkeit von Erschütterungen im Inneren Kariens. Aus dem Gebiete zwischen Mäanderthal einerseits und der Linie Budrun Muhla und ihrer Verlängerung andererseits ist kein Ort seiner Beben wegen genannt.

Smyrna liegt an dem Punkte, wo sich die drei längs des Manissa- und Boz Dagh verlaufenden Linien gewissermalsen schneiden. Es liegt also im Kreuzungspunkt von vier Schütterlinien, wenn man die

¹) Die Insel Kos. Denksch. d. Wiener Akad., math.-naturw. Kl., XL. Wien 1880. ²) Tietze, I. c. 378. ³) Scherzer, Smyrna, Wien 1873, p. 5. Anm.*) 1. c. p. 46, Anm.