Aufsatz 
Die Erdbeben des vorderen Kleinasien in geschichtlicher Zeit
Entstehung
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1. Lykien.

Die einst so volkreiche, von blühenden Städten besetzte lykische Halbinsel, deren Ruinen als Zeugen einer grolsen Vergangenheit noch heute unsere Bewunderung erregen und der Forschung ergiebige Fundstätten bieten, ist von zahlreichen Erderschütterungen heimgesucht worden. Zwar liegen nur wenige direkte Berichte über Erdbeben in diesem Lande vor. Wer sollte sie auch aus diesem heute so städte- armen und menschenleeren Lande berichten? Deutliche Spuren an den Ruinen zeigen indessen, dals eine weit gröſsere Zahl von Erdstölsen hier ihr flüchtiges Dasein gehabt haben, als bekannt ist. So fanden E. Tietze ¹1) am Heroon von Gjjölbaschi, so G. Hirschfeld ²) an den Überresten der Städte Termessus, Sagalassus und Perge, so Benndorf und Niemann ³) an denjenigen von Pinara, so Petersen und Luschan 4) an denjenigen von Myra Erdbebenspuren. Sicher bekannt sind Erdbeben von folgenden Orten:. Adalia) (1858 u. 1863), Marmara)(1863), Meis?)(1864), Makri(1851, 1852, 1855, 1863, 1864, 1865, 1870). Näher beschrieben sind nur die Beben des Jahres 1851 ³) von Makri. Es wurde damals mit Rhodus gleichzeitig erschüttert. Durch die verheerende Wirkung zweier Stolswellen wurde am 28. Februar ein Dorf im Inneren zwischen zwei übereinanderstürzenden Hügeln ganz zerschmettert. Die Hälfte eines Berges fiel in den Hafen von Okengik(2). Seitdem erlitt Makri und seine Umgebung viele Stölse, an manchen Tagen 5, 6 und selbst 8. Aus einem Berge zwischen Simbonus und Levissy stieg dicker Rauch auf. Zwei Berge sollen sich gesenkt haben. Das Meer, dessen Niveau am 28. Februar um etwa 34 cm gestiegen war, soll am 3. und 4. April um einige Fuſs(ja Meter) höher gewesen sein. Am 11. April 1855 bildeten sich?) während eines Erdbebens nahe bei Makri Erdspalten und kleine Hügel. Bei einem Erdbeben auf Meis entstanden im Jahre 1864 groſse Spalten im Gebirge.

Diese Berichte sind dafür beweiskräftig, dafs an der Küste und in der inneren Umgebung von Makri Veränderungen unter der Erdoberfläche vor sich gehen. Um die Verhältnisse, welche dazu Ver- anlassung geben, voll und ganz würdigen zu können, soll folgender kurze Überblick über die Oberflächen- beschaffenheit, das, geologisch gesprochen, jugendliche Alter und die Küste Lykiens vorausgeschickt werden.

Nach den Untersuchungen von Sprath und Forbes ¹⁰). Tietze) und anderen Forschern bedecken mächtige Kalkablagerungen der Kreide- und miocänen Tertiärzeit den bei weitem gröfsten Raum Lykiens.

Erst nach der Miocänzeit hat seine Oberfläche im groſsen und ganzen seine heutige Form angenommen. Von der Kreidezeit bis in die Miocänzeit hinein durchbrachen eruptive Massen die Schichtenkomplexe. Die mächtigen vulkanischen Massen der Serpentine und anderer Gesteine, welche hauptsächlich längs der Westküste des Golfes von Adalia und rings um die Bucht von Makri vorkommen, sind gegenwärtig noch bedeutungsvolle Zeugen der einstigen Eruptionen. Mit der Mächtigkeit der Kalkablagerungen in Lykien steht in engem Zusammen- hang der aus vielfachen Erscheinungen erkennbare Karstcharakter dieses Gebietes. Die Forscher berichten von Dollinen ¹²b) und von unterirdischen Wasserläufen ¹⁵) Sehr wasserreiche Quellen dringen an der Basis des Kalkgebirges hervor. Ihr Wasser ist aufserordentlich kalkhaltig. Ein hübsches Beispiel für die Menge Kalk, welcher durch das Wasser weggeführt wird, bieten die gewaltigen Travertinablagerungen der um den Golf von Adalia sich erhebenden Terrassen ¹⁴). Die Küste ist meist Steilküste. Nur selten findet man ihr vorgelagerte jüngere Sedimente und Geröllablagerungen. Die schwierigen Verhältnisse, welche auf die

²) Beiträge z. Geol. von Lycien im Jahrb. d. k. k. geol. Reichsanst., Wien 1885, XXXV, 307 u. 308. ²) Zeitschr. f. Erdk. Berlin, XII, 221; XIV, 289.) Reisen in Lykien und Karien, Wien 1884, I. ¹) Reisen in Lykien, Milyas und Kibyratis, Wien 1889, p. 28, 133 u. a.) Perrey, M. C. XII u. XVII.) Perrey, M. C. XVII. ) Perrey, M. C. XVIII.*) Perrey, Bull. de l'ac. roy. d. Belgique(1) XIX, 1.) J. Schmidt, Erdbeben-

studien nach Gonzenbach.*) Travels in Lycia etc. London 1847.*¹) Beiträge z. Geol. Lyc. Jahrb. geol. Reichsanst., Wien 1880, XIL. ¹2) Tietze, I. c. 312. 13) Tietze, J. c. 319. Spratt u. Forbes, I. c. ¹⁴) Tietze,

1. c. 367 flf.