12 Tummelplatze tektonischer Beben, die Gattung reiner Auswaschungsbeben sich nur schwer entwickeln zu können. Die tektonischen Erschütterungen bringen in ihrer sekundären Wirkung nur halbwegs zum Zusammenbruch reife Schichten zu Fall und verhüten so die selbständige Ausbildung von Einsturzbeben.
IV. Die Erdbebenlinien des vorderen Kleinasiens und ihr Zusammenhang mit seinen Reliefformen.
Die Mehrzahl der Erderschütterungen des vorderen Kleinasiens gehört also der Klasse der tektonischen Beben an. Es erübrigt nunmehr, ihre Beziehungen zu den Oberflächenformen des Gebietes
zu ermitteln.
1. Die Hauptzone.
Ein Blick auf die beigegebene Kartenskizze lälst sofort erkennen, dals die Küste Kleinasiens von Adalia bis zum Nordende des Bosporus eine mehr oder weniger eng gegliederte Kette von Erschütterungs- orten darstellt. Die sie begleitende Inselreihe von Rhodus bis Imbros, das europäische Gestade der Dardanellen, des Marmarameeres und des Bosporus bilden eine zweite mehr oder weniger dichte Reihe von Erdbebenorten. Diese beiden Linien sind sowohl durch die Menge der Schütterorte als auch ganz besonders durch die Häufigkeit und zeitweilige Stärke der Erdbeben ausgezeichnet. Beide kennzeichnen im Grunde nur eine Schütterzone, welche schon früher als die wahrscheinliche Hauptschütterzone des vorderen Kleinasiens hervorgehoben wurde. Sie steht in engem Zusammenhange mit den Küsten und den ihnen entlang ziehenden oder gegen sie hinstreichenden Gebirgszügen. Ihr süSdlicher Teil bis zum Südende der Dardanellen soll fortan die„Längszone des ägäischen Meeres“ genannt werden. Die übrigen Teile der Hauptschütterzone können kurz nach den Namen der zugehörigen Meeresteile bezeichnet werden. Inbezug auf die Zeit des Auftretens der Erschütterungen stellt diese Hauptzone keineswegs eine Einheit dar. Bei der Besprechung ihrer einzelnen Teile soll diese Thatsache noch näher ins Auge gefalst werden.
2. Die Nebenlinien.
Der Längszone des ägäischen Meeres und ihrer Verlängerung gliedern sich noch einige Neben- linien an, deren Anschluls an hervorragende Terrainlinien unverkennbar ist. Auf einige derselben hat schon Reyer ¹) hingewiesen. Die ostwestlich streichenden Züge des Djuma Dagh, des Boz Dagh und Manissa Dagh sind auf beiden Seiten von deutlichen Schütterlinien begleitet. Am Südabhange des ersteren stellt die Linie Aziezie-Nasli eine Schütterlinie dar. Die Schütterlinien am Nordabhange des Djuma Dagh und am Südabhange des Boz Dagh sind durch die Beben Tires bezw. durch die von Trianda, Bainder und Eudemisch angedeutet. Schärfer ausgeprägt ist die nördlich des Boz Dagh verlaufende Linie. Die Bedeutung dieser Senke trägt sicherlich dazu bei, dals hier eine gröfsere Zahl von Gliedern genannt sind. Diese Schütterlinie umfalst die Städtereihe Burnabad-Alascheher(Philadelphia). Den Manissa Dagh endlich begleitet im Norden eine Reihe von Schütterorten, deren äufserste Glieder Menemen und Magnesia oder, wenn man lieber will, Kassaba sind. Die südliche Schütterlinie dieses Gebirgszuges fällt mit der eben erwähnten Nordlinie des Boz Dagh zusammen. Die Orte Laodicea, Hierapolis und Kolossä, welche wiederholt von Erdbeben heimgesucht und im Altertum durch ein derartiges Ereignis zerstört worden
¹) Theoret. Geol. Stuttgart 1888, 681.


