Aufsatz 
Die Erdbeben des vorderen Kleinasien in geschichtlicher Zeit
Entstehung
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2. Auswaschungsbeben.

Die Erkennung der Auswaschungsbeben ist mit grölseren Schwierigkeiten verknüpft. Gberall in Kleinasien herrschen kalkige Ablagerungen vor. In allen derartigen Gebirgen werden Kalkmengen in kohlensäurehaltigem Wasser ein Teil in 2000 Teilen ¹) aufgelöst. Die kalkhaltigen Quellen, für welche die Kaskaden ²) von Pambuk Kalessi ein groſsartiges Beispiel bieten, sind treffende Beweise dafür. Unter geeigneten Bedingungen ist die Umsetzung von kohlensaurem Kalk in Gips, der noch leichter in Wasser löslich ist ein Teil in 460 Teilen²), und folglich das Vorkommen von Gipslagern im Kalkgebirge nicht ausgeschlossen. Die Konstitutionsprodukte der warmen Quellen bezeugen ferner, daſs besonders salzige Substanzen den Schichten entführt werden. Es liegt folglich die Vermutung nahe, daſs infolge der Löslichkeit der gebirgsbildenden Substanzen in Wasser an vielen Stellen des vorderen kleinasiens Hohlräume in den Schichten gebildet werden. Dieselben geben wiederum Veranlassung zu Auswaschungs- beben. Gleichwohl zeigen nur wenige Erdbeben des vorderen Kleinasiens Merkmale, welche auf die genannte Ursache hinweisen. Dieselben mögen hier mitgeteilt werden.

150 ¹) n. Chr. Auf dem Kontinent(Kleinasien) wurden Berggipfel gespalten. Salzwasser drang aus den Spalten hervor.

1859), 21. Aug. Imbros. In der Ebene des IIlysus am Fuſse des Kastron wurde der Boden an einer Stelle geöffnet, und es ergossen sich daraus Fluten von schmutzigem Wasser, die während einer Stunde flossen. Dann schlofs sich der Spalt wieder. An verschiedenen Orten der Insel schien das Wasser ebenfalls aus den Seiten des Berges hervorgedrungen zu sein. In dem Fluſs trat ein plötzlicher Zuwachs an Wasser ein, der stark genug war, um eine Furt ungangbar zu machen. Von den zwei Quellen des Kastron versiegte die eine, die andere vermehrte ihren Inhalt.

1831), März. Auf Samos herrschten starke Stöſse, infolge deren sich der höchste Ikaria gegen- überliegende Berg geöffnet hat. Eine Seite des Berges stürzte ein, und eine ungeheure Wassermenge strömte heraus.

1856, 12. Okt.). Bei Monolithos auf Rhodus sprang eine mächtige Quellenader aus der Erde.

1867, 7. März 5). Erdbeben auf Lemnos. Zerstörende Wirkung äulserte erst der zweite Stols. (Der Sitz des Bebens war Lesbos.) Es bildete sich eine Senkung, in die ein See trat.

1880, 29. Juli ²). Auf der Eisenbahnlinie Smyrna-Kassaba entstanden Erdspalten, aus denen Wasser emporgeschnellt wurde.

1881, 3. April. G. v. Rath ¹⁰) schreibt:Nahe dem Kap Santa Elena(auf Chios), wo ein aus Kalkschichten bestehender Hügel sich erhebt, bemerkte ich etwa 500 m vom Meere entfernt eine runde wassergefüllte Einsenkung, einen Erdfall, welcher am 3. April durch das Erdbeben entstanden ist. Das Loch hat 5m Durchmesser, die Tiefe bis zur Wasserfläche beträgt 1 ½ m, die ganze Tiefe vom Boden bis zum Rand 2 ½ m. Unfern dieser Stelle weist der mit Reben bepflanzte Boden einen Rils, einen Spalt auf, welcher etwa 50 m zu verfolgen ist. Aus demselben drang unmittelbar nach der Katastrophe an einzelnen Stellen bis I'm emporsprudelndes Wasser, mit Sand gemengt, hervor und überschwemmte die Rebenflur. Jetzt ist der Rifs wieder verschwunden, eine Verschiebung der Ränder hat nicht stattgefunden.

Im Kalkgebirge ist es an und für sich nicht ausgeschlossen, dafs Spaltenbildungen, aus welchen Wasser hervorströmt, auf Senkungen beruhen, welche durch eine Unterwaschung der Schichten veranlaſst

2) Bischof, Geologie II, 109 ff. ²) Tchihatcheff, As. Min. I, 345. ³) Bischof, I. c. I, 846, II, 194. ¹) Dio Cass. LXX, 4. ⁵³) Perrey, M. C. XIV nach Ritter.*) Preufs. Staatszeit. No. 160, p. 1040.*) A. Berg, D. Insel Rhodus Braunschw. 1862, und J. Schmidt, Erdbebenstudien.*) K. L. Griesebach, Mitt. d. Geogr.-Ges. in Wien Bd. XII. 1869. ²¹) Fuchs, in Tschermaks Min. Mitt. 1882. 20) Reisebriefe durch Italien und Griechen- land 2. h. Land, I. p. 319. 2 Bde. Heidelberg 1882.