Aufsatz 
Die Erdbeben des vorderen Kleinasien in geschichtlicher Zeit
Entstehung
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namentlich gebildete Europäer, wohnen nicht in den Städten und Dörfern des Inneren. Die Orte liegen meist abseits der grolsen Verkehrswege. Alle diese Faktoren stellen der Ubermittelung von Erdbeben- berichten nach den europäischen Kulturzentren groſse Schwierigkeiten in den Weg. Allein dieselben scheinen nur die Zahl der Berichte miſslich zu beeinflussen und die Meldung der unansehnlichen Ereignisse zu verhindern. Erdbebenkatastrophen, mögen sie auch noch so unbedeutende Orte heimsuchen, werden sicher weithin bekannt. Das menschliche Mitgefühl, das allgemeine Interesse und die Zugehörigkeit des Gebietes zum türkischen Staate machen dies wahrscheinlich. In der That sind nicht nur gewaltige und aufsergewöhnliche Ereignisse, wie die Zerstörung von Kolossä, Laodicea und Hierapolis bekannt, sondern auch weit harmlosere Erdbeben aufgezeichnet worden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit darf man daher an- nehmen, dals das westliche Gebiet, die Küste und die ihr gegenüberliegenden Inseln weit häufiger erschüttert werden, als das Innere. Diese Annahme findet noch eine Stütze in folgender Thatsache. Die meisten Schütterorte des Inneren lassen sich als Glieder zusammenhängender Reihen auffassen, welche unter mehr oder weniger steilen Winkeln die Küste treffen. Auch hierdurch wird das westliche Gebiet als die Haupt- schütterzone gekennzeichnet. Später wird hierauf näher eingegangen werden.

III. Versuch einer Ausscheidung solcher Orte, welche nur Explosions- bezw. Auswaschungsbeben aufweisen.

Um die Hauptschütterlinien ermitteln zu können, ist es nötig, diejenigen Orte aus der Gesamtzahl der bekannten Schütterorte auszuscheiden, deren Erdbeben vermutlich vulkanischen Ursprungs sind oder in der Unterwaschung von Schichten ihre wahrscheinliche Ursache haben.

1. Explosionsbeben.

Der einzige, thätige Vulkan des vorderen Kleinasiens ist derjenige von Nysiros. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, dals einzelne oder gar alle Erdbeben dieser Insel und deren Umgebung ihre Entstehung einer mächtigen Entwicklung von Gasen im Inneren des Vulkanes verdanken. Die Erdbeben der Jahre 1864 ¹), bei welchen ein ansehnlicher Teil des Gipfels eines vulkanischen Berges einsank, 1871 (Nov.) ²) und 1873(Juni bis Nov.), welche von Eruptionserscheinungen begleitet waren, und in deren Folge Fumarolen sich öffneten und Gase und Dämpfe ausschieden, machen sich der genannten Ursache verdächtig, zumal ihre Verbreitung beschränkt war. Bei den Erdbeben der drei anderen Jahre scheinen tektonische Vorgänge mitzuspielen. Wenigstens sprechen dafür mannigfache Thatsachen. Symptome vulkanischer Thätigkeit, die ja auch in Dislokationen ihren Ursprung haben können, sind bei keinem dieser Erdbeben beobachtet worden. Die Schüttergebiete der in die Jahre 1857 3), 1862 ¹4) und 1869) fallenden Beben verfügen über eine beträchtliche Ausdehnung. Die Heftigkeit, mit welcher dieselben auch in Rhodus, Symi, Marmaris und Chalki auftraten, schliefst gleichfalls die Annahme aus, als seien diese Stölse nur fortgepflanzte Wellen eines auf dem kleinen Nysiros durch Explosion von Gasen entstandenen Bebens. Wurden doch die Erdbeben der Jahre 1871 und 1873, welche sogar von Eruptionen begleitet waren, nicht in der Nachbarschaft gefühlt! Es liegt also kein Grund vor, Nysiros aus der Zahl der von tektonischen Beben heimgesuchten Orte auszuscheiden.

2) Perrey, Mém. Cour. XVIII, 63. Bruxelles 1866. ²) Gorceix, Compt. Rend. 1873, XXVII, 600. ³) Perrey, Mém. Cour. X. ¹) Perrey, M. C. XVI.) J. Schmidt, Erdbebenstudien, und Perrev, M. C. XXIV. 2