wurden. Die erste Ziffer giebt die mittlere Häufigkeit der Erdbebenjahre in einem Jahrhundert an; die erste Dezimale ist mit angegeben. Die zweite Ziffer, welche stets auf die nächste ganze Zahl abgerundet ist, giebt die mittlere Zahl der Stöfse im Jahrhundert für jeden Ort an. Wo letztere fehlt, war sie nicht zu ermitteln.
Die auf Seite 7 stehende Tabelle enthält die Namen der Hauptschütterorte. In der ersten Rubrik ist für jeden Ort die Anzahl der Erdbeben-Jahre,-Tage und-Stölſse angegeben, welche aus der historischen Zeit bekannt sind; die zweite Rubrik giebt dasselbe für die Jahre 1850— 1885 und die dritte für die Jahre 1886— 1890. Für die vierte Rubrik ist aus den Mittelzahlen der Jahre 1850— 1885 diejenige Anzahl der Erdbeben-Jahre,-Tage und-Stölse für den Zeitraum 500 v. Chr. bis 1890 n. Chr. berechnet, welche den thatsächlichen Verhältnissen mutmaſslich nahe kommt. Die Reihenfolge der Orte ist durch ihre Lage bestimmt. Die ungefähr in einer und derselben Länge liegenden Orte sind zusammengestellt. Die Tabelle beginnt mit dem östlichsten und endigt mit dem westlichsten Teile des Gebietes.
Wie gering die Anzahl der überlieferten Erdbeben gegenüber der Gesamtzahl aller Erderschütterungen ist, welche das vordere Kleinasien in historischer Zeit heimgesucht haben, ergiebt sich unmittelbar aus dem Vergleich der beiden ersten Rubriken; in noch höherem Grade beleuchten diesen Unterschied die Zahlen der vierten Reihe. Von den 35 angegebenen Orten haben 14, d. i. fast die Hälfte, ihre sämt- lichen berichteten Erdbeben in den Jahren 1850— 1890 erlitten. Bei den übrigen sind die Zahlen der zweiten Reihe im allgemeinen drei Viertel der Gesamtzahlen. Nur bei den sechs Städten, Ismid. Isnik, Kyzikus, Konstantinopel, Smyrna und Rhodus ist das Verhältnis ein anderes. Die Gesamtzahlen der drei ersten Städte haben ein bedeutendes Übergewicht über die Zahlen der zweiten Rubrik. Der Grund liegt auf der Hand. Es sind eben Städte, welche im Altertume auf einer hohen Kulturstufe standen, heute aber vom Glanze ihrer Blüte wenig mehr erübrigt haben. Konstantinopel, Rhodus und Smyrna sind dagegen in allen Jahrhunderten Pflegestätten der Kultur gewesen.
Die groſsen Differenzen zwischen den beiden ersten Reihen der Tabelle führen zu der Annahme, daſs alle genannten Orte in früherer Zeit eine viel gröſsere Zahl Erdbeben erfahren haben, als bekannt geworden sind. Geradezu staunenerregend sind die Daten der vierten Reihe, welche eine Schätzung der Anzahl aller überhaupt stattgehabten Erschütterungen enthält. Welche Fülle von Erdbeben hat darnach das vordere Kleinasien in historischer Zeit heimgesucht! Die Gröſfse der Zahlen läſst uns ahnen, wie unaufhörlich hier im Inneren der Erdrinde Kräfte thätig sind, die beständig an der Umgestaltung der Oberfläche unseres Planeten, an der Veränderung der Grenzen des Festen arbeiten, die fortwährend den Menschen durch ihre Wirkungsäuſserungen beunruhigen und erschrecken und seine Bauwerke zu zer- stören suchen.
In der Rangordnung nach Erdbebenjahren steht Konstantinopel mit 154 Jahren oben an; ihm folgen Smyrna mit 78, Rhodus mit 42, Chios mit 30. Brussa mit 27 und Gallipoli mit 20 Erdbebenjahren. Smyrna übertriftt Konstantinopel an Tagen und Stöfsen, trotzdem es nur etwa halb so viele Erdbebenjahre aufweist als das letztere. In den Jahren 1850— 1885 überholt Smyrna Konstantinopel auch an Jahren. Diese Thatsache, sowie auch der Umstand, dals Konstantinopel viele Jahrhunderte hindurch der Mittel- punkt civilisierter Reiche gewesen ist, gestatten den Schluſs, dals Smyrna, welches erst in späteren Jahr- hunderten zur Blüte gelangte, weit häufiger unter Erdbebenerscheinungen zu leiden hatte als Konstantinopel. Bei den übrigen Orten steht die Anzahl der überlieferten Erschütterungen ganz im Verhältnis zu ihrer geschichtlichen und kulturellen Bedeutung. Auffallend macht sich die Abnahme der Menge der Schütterorte und Erdbeben von Westen nach Osten einerseits und vom Meere nach der Küste andererseits bemerkbar. Die nahe liegende Auffassung, dies sei ein Ausdruck der thatsächlichen Verhältnisse, ist ohne nähere Prüfung nicht giltig. Denn andere Thatsachen wirken in demselben Sinne. Die Zahl und Grölse der Wohnorte nehmen im allgemeinen mit der Entfernung von der Küste ab. Geeignete Berichterstatter,


