21 griechischen Tragödie. Wenn hingegen die Fortsetzung des Stückes dazu diente den Odysseus in seiner edlen und weisen Mässigung, die das gewünschte Ziel erreicht, dem Aias als Musterbild gegenüber zu stellen, so würde durch dieses Hervorheben einer Nebenperson die Einheit des Interesses geradezu vernichtet sein. Die Erklärung der Schlussscenen aus der tiilogischen Verbindung unseres Dramas mit einem nachfolgenden Teukros kann selbst den nicht befriedigen, der an eine solche Verbindung glaubt, da jedes Stück einer Trilogie doch auch zugleich ein selbstständiges Kunstwerk bilden, also jeder Theil desselben, mag er immerhin dem Anschluss des folgenden Stückes zugébildet sein, doch auch innerhalb dessen, dem er zunächst angehört, seine genügende Rechtfertigung und Begründung finden muss. Setzt man andrerseits voraus, Sophokles habe durch diese Schlussscenen den patriotischen Antipathien und Sympathien der Athener Ausdruck geben, in der Person des Menelaos die Spartaner brandmarken, das Heroenthum des Aias vorbereiten wollen, so wird damit wohl nicht mit Unrecht ein Nebenzweck bezeichnet, den der Dichter bei gegebener Gelegenheit verfolgte, keineswegs aber lässt sich aus so rein äusserlichen Motiven die Gestaltung eines Kunstwerks genügend rechtfertigen. Zudem würde wenigstens der letztere Zweck, das Heroenthum des Aias einzuleiten, auf eine kürzere und zweckmässigere Weise erreicht worden sein, wenn die Fürsten des Heeres im Angesicht der Leiche alles Haders vergessend sich in dem Preise des grossen Todten vereinigt hätten. Noch kürzer hätte Sophokles sich fassen können, wenn er blos das Gefühl seiner Nation, insofern diese auf ein ehrenvolles Begräbniss ein so hohes Gewicht legte, hätte befriedigen wollen. Seine Zuhörer hätten sich gewiss dabei beruhigt, wenn sie sahen, dass Teukros, so wie Aias es von Zeus erbeten hatte, zu dessen Leichnam gelangte und sich anschickte ihn zu bestatten; sie hätten gewiss nicht gedacht, dass das eintreten würde, was, indem es wirklich eintritt, das Gefühl so sehr empört, dass die Atriden klein genug denken würden dem gefallenen Helden die letzte Ehre zu bestreiten. Was etwa im früheren Verlauf des Stückes eine solche Ahnung zu erwecken geeignet war, konnte füglich beseitigt werden. Allerdings muss man sich in die Denkungsweisg der Alten zurück- versetzen um die ganze Bedeutung des Streites bei dem Leichnam mitzufühlen; aber daraus allein kann dieser Theil des Stückes in seiner ganzen Länge unmöglich erklärt werden. Um ein Bedeutendes näher kommt man der Wahrheit, wenn man daran erinnert, dass Aias Person und Handlungsweise durch diese Scenen erst in volles Licht gestellt wird. Das Benehmen der Atriden benimmt uns allen Zweifel, dass das Urtheil des Waffengerichts ein ungerechtes war, und so musste es sein, damit die Erbitterung des Aias der genügenden Motivirung nicht entbehrte. Keineswegs aber war Odysseus ein unwürdiger Mitbewerber, wenn auch sein Waffenruhm nicht an den des Telamoniers reichte; dies musste der Dichter augenfällig zeigen, damit nicht zu sehr die Erbitterung und zu wenig das traurige Schicksal des Aias gerechtfertigt erschien. Andrerseits müssen wir bedenken, dass Sophokles den Waffenstreit selbst und das Waſlengericht nicht in sein Drama aufgenommen hat und nicht aufnehmen konnte, wenn er nicht in dem Verlauf der Handlung eine Unterbrechung eintreten lassen wollte, wie die dramatische Kunst der Alten sie nicht duldet, dass er also dieser Gelegenheit beraubt war uns Bewunderung für den Helden einzuflössen. Er zeigt uns diesen vielmehr beim Beginn des Stückes in seiner tiefsten Erniedrigung. Allmählich erhebt sich Aias zwar aus derselben durch eigene Kraft zu ehrfurchtgebietender Grösse; die Reden und das Benehmen seiner Ange- hörigen sowohl wie seiner Gegner(Athene und Odysseus) tragen dazu bei unsere Theilnahme und Bewunderung für ihn zu erwecken. Aber doch fehlte noch die öffentliche und feierliche Anerkennung seiner hervorragenden Tüchtigkeit und seiner preiswürdigen Verdienste, und diese musste um so nach- drücklicher erfolgen, da Sophokles, abweichend von Aeschylus, mit kühnem Wagniss den Wahnsinn des 6
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