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gangen, weil ich glaube, dass dieselbe nur bei einem umfassenderen Ueberblick über das Kunstwerk im Ganzen auf befriedigende Art zu lösen sei. Ich gehe nun zu diesem Theile meiner Aufgabe über.
Die Idee, welche im Allgemeinen der griechischen und insbesondere der Sophokleischen Tragödie zu Grunde liegt, lässt sich dahin bestimmen, dass ein Mensch trotz aller Grösse und Trefflichkeit des Wollens und Handelns doch durch eigne Schuld zu Grunde geht, indem er in stolzer Selbstvermessenheit oder leidenschaftlicher Verblendung die Schranken überschreitet, welche der Wille der ewigwaltenden Götter und die sittliche Weltordnung dem Sterblichen gesteckt hat. Vier Hauptmomente treten uns hierbei als für jede Tragödie unerlässlich entgegen: die Grösse und Trefflichkeit des Helden, ohne welche wir kein tieferes Interesse für ihn fassen oder es doch seiner Verschuldung gegenüber nicht ſesthalten könnten; der Fehler desselben und die daraus hervorgehende Verschuldung, ohne welche das Unglück, das ihn triffr, als eine unverdiente Härte erscheinen müsste; die Strafe, durch welche die Verschuldung gebüsst wird, und die Sühne, welche allen Zwiespalt ausgleicht.
Betrachten wir unsere Tragödie nach diesen vier Gesichtspunkten, so wird die Grösse und Trefflichkeit des Aias nach der schon im Anfang dieses Aufsatzes gegebenen Charakteristik keiner weiteren Darlegung bedürfen. Aufs beste hat es der Dichter verstanden sie uns nicht nur in dem Thun und Sprechen des Helden unmittelbar vorzuführen, sondern auch durch das Verhalten seiner Angehörigen, durch den Aus- spruch der erhabenen Göttin und insbesondere durch die edle Anerkennung, welche gerade sein Gegner ihm noch im Tode zollt, unser eignes Urtheil zu leiten und zu befestigen.
Auch über den Fehler, welcher dem Charakter des KAias trotz aller sonstigen Trefflichkeit und zum Theil gerade in Folge derselben anhängt, können wir nicht in Zweifel sein; es ist das übergrosse Vertrauen auf die eigene Kraft und der allzuleidenschaftlich verfolgte Anspruch auf die gebührende Ehre. Welches aber ist die aus diesem Fehler hervorgehende Verschuldung, durch die Aias sich Verderben bereitet? Ich glaube nicht, dass sie eigentlich in jenen vermessenen Worten zu suchen ist, welche der Bote nach der Mittheilung des Kalchas berichtet, so sehr dieselben auch den Fehler in Aias Sinnesweise, aus dem sie entsprossen sind, zur Anschauung bringen. Diese Worte, die zudem durch die siegesgewisse Kampflust, in der sie gesprochen sind, mehr als eine momentane, unüberlegte Verirrung und bis zu gewissem Grade entschuldbar erscheinen, gehören einer längst vergangenen Zeit an und stehen mit der IHlandlung unseres Stückes nur in so fern in thatsächlichem Zusammenhang, als sie schon damals den Zorn der Göttin gegen Aias erregten(deshalb lässt auch der Dichter sie erst ziemlich spät und fast gelegentlich erwühnen). Den Ausbruch des Zornes aber veranlasst Aias durch eine neue, schwerere Verschuldung, indem er, unfähig die in dem Waffenstreit erlittene Zurücksetzung zu ertragen, sich durch masslosen Rachedurst zu einem nächtlichen Mordanfalle gegen die Fürsten des Heeres fortreissen lässt. Zu gross fast könnte diese Verschuldung erscheinen und zu sehr der Würde des Helden Eintrag thun, wenn nicht das Urtheil der Richter entschieden ein ungerechtes, durch arglistige Intriguen des Menelaos zu Stande gebrachtes, die Erbitterung des Aias also eine wohl begründete und nur in ihrer KAeusserung das gebührende Mass überschreitende wäre. Doch bleibt sie immer noch gross genug um die Strafe, die ihn trilft, genü- gend zu motiviren und man braucht nicht, wie dies jüngst geschehen ist, in dem Selbstmord ihm noch eine neue Schuld aufzubürden**). Dass der Selbstmord an und für sich nach der Moral der Alten nicht verwerflich war, bedarf keiner Nachweisung. Um so weniger kann der Selbstmord des Aias nach den Begriffen des Alterthums als ein moralisches Verbrechen aufgefasst werden, da er doch wahr-


