Aufsatz 
Über Sophokles Aias / von Weismann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

desselben während des Monologs durch nichts motivirt sein würde, und man ihn vielmehr während der ganzen Rede vor dem Schwerte stehend denken muss. Dabei lässt sich aber allerdings annehmen, dass die Todeszuckungen des am Boden Liegenden durch niedriges Gebüsch den Augen der Zuschauer entzogen wurden, weshalb auch in der folgenden Scene der Chor den Leichnam anfangs nicht sieht und erst Tekmessa, die durch das Gebüsch kommt, ihn entdeckt. Den Grund, weshalb Sophokles von der gewöhn- lichen Sitte abwich, gibt der Scholiast zu V. 815 wohl nicht ganz richtig dahin an, der Dichter habe gegenüber der Art, wie Aeschylus den Tod des Aias behandelt hatte, etwas Neues bieten und grössern Eindruck hervorbringen wollen. Er ist vielmehr darin zu suchen, dass sonst der ganze ergreifende Monolog verloren gegangen wäre, der nicht fehlen durfte, wenn sich das Bild des Helden in seiner ganzen Grösse vor uns entfalten sollte.

Dieser Monolog ist jedenfalls die Krone des ganzen Stückes ³⁸). Aus der tiefen Erniedrigung, in der wir beim Beginn der Handlung den von Wahnsinn umnachteten Helden erblickten, hat er sich in den verschiedenen Scenen, die der Katastrophe vorausgehen, durch eigene Kraft zu der entschlossenen Ruhe und leidenschaftslosen, selbstbewussten Klarheit emporgerungen, mit der allein ein Aias würdig sein Leben beschliessen kann. So haben wir ihn allerdings auch schon in der Scene gesehen, in welcher er von den Seinigen weggeht um den letzten Weg anzutreten. Aber dort war das gewaltige Bild noch von dem Schleier trügender Rede verdeckt; jetzt erscheint es uns in ganz enthüllter, mächtig ergreifender Majestät. Mit Ehrfurcht wendet er sich zu den Göttern, da er an seinem eigenen Loose erkannt hat, wie der allwaltenden Göttermacht gegenüber auch die hervorragendste menschliche Grösse nichtig ist, aber nicht als einer der mit demüthigen Bitten Verzeihung für seine Schuld sucht, sondern als einer der die Folgen des in seinem innersten Wesen unabänderlich begründeten Thuns mit ruhiger Fassung hinnimmt. Auch im Tode noch sich selbst genug, hat er nur kleine Gabe von den Göttern zu erflehen, dass sie Teukros zu seiner Beerdigung herbeisenden und seinen Leichnam vor Beschimpfung schützen, dass sie ihm einen leichten, raschen Tod gewähren, dass sie seinen Eltern Kunde von seinem Schicksal geben möchten. Er fühlt tief und warm, von welchen Gütern er scheidet, indem er freiwillig dem Leben entsagt, aber kein Zweifel, ob er dies auch wirklich thun solle, keine Klage über sein schweres Schicksal regt sich in ihm. Mit leidenschaftsloser Ruhe nimmt er Abschied von der Welt des Tages und von Allem was ihm theuer war und mit fester Entschlossenheit stürzt er sich dann in sein Schwert. Nur eins könnte die mildere, weichere Stimmung zu stören scheinen, in der wir Aias Angesichts des Todes erblicken, dass er in den letzten Augenblicken noch mit Hass an seine Feinde denkt und Verderben auf ihr Haupt herabruft. Aber dem Feinde zu verzeihen ist eine Tugend, die man nur von einem christlichen Helden mit Recht erwarten dürfte. Den Freund zu lieben und den Feind zu hassen ist die einfache Moral der Alten und nur Unmass in Hass und Rache erschien ihnen tadelnswerth. Völliges Aufgeben und Vergessen des Hasses würde den Alten eher als eine Schwäche erschienen sein, die für den unbeugsamen Sinn des Aias nimmermehr gepasst hätte. Uebrigens ist auch in Bezug auf den Hass gegen seine Feinde eine dem sonstigen Charakter dieser Scene entsprechende Milderung in der Stimmung des Helden unverkennbar. Während er früher mit leidenschaftlicher Heftigkeit den Wunsch aussprach selbst noch Rache an seinen Feinden üben zu können, überlässt er hier mit ruhiger Entsagung das Werk der Rache den Händen jener furchtbaren Göttinnen, die jeden Frevler schonungslos verfolgen.

Unmittelbar nachdem Aias sich selbst den Tod gegeben, treffen die zwei Chorhälften, wieder in die Orchestra einziehend, nahe bei dem Orte der blutigen That zusammen, ohne jedoch den durch Gebüsch