Aufsatz 
Über Sophokles Aias / von Weismann
Entstehung
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Sinnesänderung des Aias, desto banger sehen wir der schrecklichen Enttäuschung entgegen, die ihm, wie wir nicht bezweifeln können, nahe bevorsteht; und so sind wir durch den unvermuthet aufgegangenen Rettungsstern, obwohl er uns nicht als solcher erscheint, dennoch eben so sehr auf die Katastrophe gespannt, wie dies in andern Tragödien dadurch bewirkt wird, dass auch der Zuschauer an der unmittelbar vor der Katastrophe aufleuchtenden Hoffnung theilnimmt ²⁸⁹).

Ein Bote erscheint und meldet die Rückkehr des Teukros von seinem Beutezuge. Derselbe ist als Aias Bruder von den um das Feldherrnzelt des Agamemnon versammelten Achäern mit bitteren Schmähungen empfangen worden;, man hat ihn mit dem Tod durch Steinigung bedroht; Schwerter sind gezückt und nur durch das Dazwischentreten und die Vermittelung der Fürsten ist dem streit, als er aufs höchste gestiegen war, ein Ende gemacht worden. Von dem Seher Kalchas belehrt, dass und weshalb Athene dem Aias zürne, dass aber der Zorn der Göttin nur heute denselben verfolge, dass daher nur dieser eine Tag seinem Bruder verderblich sei, der folgende ihm vielleicht Errettung bringe, sendet Teukros die dringende Aufforderung, dass Aias, bevor er selbst komme, das Zelt nicht verlasse. Hat dabei auch Teukros gewiss nur die Absicht ein Zusammenstossen des Aias mit den Achäern zu verhüten, bevor es ihm selbst gelungen sei die Erbitterung derselben zu besänftigen, so gewinnt doch für den Chor, der sich der finstern Reden des Aias erinnert, die prophetische Warnung des Kalchas sofort eine tiefere Bedeutung und seine jauchzende Freude macht eben so schnell als sie entstanden einer schrecklichen Befürchtung Platz. Auch Tekmessa, die jetzt auf den Ruf des Chors wieder aus dem Zelte kommt, erkennt nach der Mitthei- lung der Botschaft augenblicklich, dass Aias in seiner letzten Rede sie nur getäuscht habe, dass er wirk- lich hingegangen sei um zu sterben. Die Macht inniger Liebe erhebt sie aber über die Schwäche ihres Geschlechts. Nicht ohnmächtiger Klage und Verzweiflung fällt sie anheim, sondern mit rascher Energie treibt sie zu schleunigem Handeln; Diener sollen den Teukros holen; der eine Theil des Chors soll in westlicher, der andere in östlicher Richtung nach Aias forschen; auch sie selbst eilt hinweg um ihre schwache Kraft zur Rettung des geliebten Mannes aufzubieten.

Verschiedene Bedenken über die Absicht des Dichters und die Zweckmässigkeit seiner Anordnungen können sich bei dieser Scene erheben und bedürfen einer Erörterung. Warum kommt Teukros bei so dringender Gefahr nicht gleich selbst? Die Annahme, dass dies in der ganzen Oekonomie des Stückes begründet sei, indem nun einmal der Selbstmord des Aias nicht verhindert werden solle, würde, weit entfernt die Anordnung des Dichters zu rechtfertigen, denselben nur der Anwendung willkührlicher, unmotivirter Mittel zur Erreichung seines Zweckes schuldig erklären; sie ist aber auch an und für sich gänzlich unhaltbar, da ja auch Teukros, wenn er selbst statt des Boten gekommen wäre, eben so gut wie dieser zu spät erschienen sein würde um das Hinausgehen und den Selbstmord des Aias zu verhindern ²⁰). Ich habe schon oben gesagt, dass Teukros den Umständen nach gar keine andere Gefahr für seinen Bruder befürchten konnte als die, welche aus dem unvorbereiteten Zusammentreffen desselben mit den Achäern entstehen musste. Um aber ein solches zu verhüten, dazu musste ihm seine Botschaft genügend erscheinen. Für ihn selbst blieb die wichtigere Aufgabe in dem versammelten Rathe der Fürsten(V. 749), in welchem umnöglich etwas Anderes als die That des Aias den Gegenstand der Verhandlungen bilden konnte, auf eine versöhnlichere Stimmung gegen seinen Bruder hinzuarbeiten. Dass der Bote, ehe er nach Aias fragt, sich die Zeit nimmt erst noch dem Chor minder Wesentliches zu erzählen, und dass er mit dem Schlussvers rοσ νυνιαιέοςσσχι αeντια νπινον 16oOv sich deshalb gewissermassen selbst tadelt,