10
aus dem Zelte hervorirete und dort jene ergreifenden Klagen ausströme, die alsbald in unserer Tragödie folgen. Doch sprechen dagegen nicht nur einzelne gelegentliche Andeutungen in der folgenden Scene(V. 364 ff.; 369; 405 f. ²²); 453; 579; 593), sondern, auch für den Fall, dass man glauben sollte die in diesen Stellen liegenden Hindernisse durch andere Deutung entfernen zu können, verbietet doch die genauere Erwägung des Seelenzustandes, in welchem Aias sich befindet, aufs ent- schiedenste uns den Helden während dieser Scene ausserhalb seines Zeltes zu denken. Mit Recht sagt 0. Müller:„So lange bei dem Helden der Zustand eines tiefen Gefühls der Schmach, die er sich selbst zugefügt hat, in voller Macht wirkt, kann er nicht sein Zelt verlassen, um mit denen draussen zu conver- siren; er kann es höchstens für eine kurze Zeit dulden, dass das Zelt geöffnet wird, damit seine treuen Freunde sehen, wie es ihm geht; erst als er sich so weit gesammelt hat, dass er Tekmessa und den Chor über seine Vorsätze beruhigen kann, während er sich selbst innerlich in dem Entschlusse des Selbstmordes befestigt hat, tritt er aus dem Zelte hervor.“*¹²²) Blieb aber demnach Aias während dieser ganzen Scene in dem Zelte, so musste zugleich mit ihm auch seine Umgebung, die von ihm selbst zerhauenen Thiere, nicht nur dem Chor, sondern auch den Zuschauern sichtbar werden. Der Eindruck, den ein solcher Anblick hervorzubringen geeignet ist, war gewiss theils durch die bedeutende Entfernung von den Zuschauern, theils durch künstlerisch weise Vermeidung allzutreuer Naturwahrheit, namentlich aber auch einerseits durch die in den vorausgegangenen Erzählungen der Athene und Tekmessa enthaltene Vorbereitung der Phantasie des Zuschauers, andrerseits durch die für den Helden bereits erweckte Theilnahme hinreichend gemildert um das Gefühl des Ekels und Abscheus fern zu halten. Ganz erspart konnte der Anblick dem Zuschauer nicht werden, weil durch denselben erst die Noth des Aias ihm so eindringlich versinnlicht wurde, dass er mit dem Helden zugleich, wenn auch schaudernd, dem Gedanken näher geführt ward, dass nur der Tod Erlösung aus solcher Noth bringen könne.
Wenn wir übrigens nach dem Gesagten nicht umhin können uns Aias während der ganzen Scene bis zum ersten Stasimon in dem Zelte zu denken, so ist damit keineswegs gesagt, dass die Darstellung auf der Bühne von der Art gewesen sei, dass Aias sich wirklich in dem Zelte befunden habe. Es erhebt sich hier die schwierige, vielfach erörterte Frage über das e&xννννυα, durch welches die Griechen bei ihren theatralischen Aufführungen dem Zuschauer das Innere der auf der hinteren Bühnenwand dargestellten Wohnung und was dort geschah sichtbar machten. Manche Gelehrte halten allerdings an der Ansicht fest, dass dieses sxzνᷣuα nichts Anderes gewesen sei als ein Auseinanderweichen der hinteren Bühnen-
wand, wie dies schon durch die vollständige Oeffnung der in der Mitte derselben angebrachten Thür bewirkt werden konnte. O. Müller hat aber die Uebelstände nachgewiesen, die dabei unvermeidlich waren, indem durch die geöffneten Pforten, mag man sich dieselben auch noch so hoch und weit denken, doch für die in den Seitenflügeln des Theatron und auf den obersten Sitzreihen befindlichen Zuschauer nuf ein geringer Theil des Raumes hinter der Bühnenwand hätte völlig sichtbar werden können und auch dieser Raum nicht wohl so beleuchtet werden konnte, dass er nicht im Gegensatz mit dem vollen Tageslicht des Prosceniums hätte dunkel erscheinen müssen; er hat sodann theils aus dem Namen Sxxνμννμα selbst, mheils aus den überlieferten Nachrichten über die mit diesem Namen bezeichnete Einrichtung den Beweis abgeleitet, dass unter dxxνμι etwas Anderes zu verstehen, dass es eine kleinere, bewegliche, auf Rüdern drehbare Bühne gewesen sei, durch welche das im Innern. des Hauses Belindliche auf das Proscenium herausgerollt und auf diese Weise den Zuschauern sichthar gemacht wurde, so jedoch, dass


