Aufsatz 
Über Sophokles Aias / von Weismann
Entstehung
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erfährt Tekmessa, was Aias während seiner Abwesenheit aus dem Zelte, der Chor aber, was er vor und nach derselben gethan hat. Auf diese Weise wird auf dem allernatürlichsten Wege die Kenntniss des Zuschauers von dem ganzen unglücklichen Vorgang vervollständigt. Die Mittheilung des Chors über das, was Aias während seiner Abwesenheit aus dem Zelte gethan hat, ist nur kurz und in allgemeinen Umrissen andeutend. Anders konnte sie auch nicht sein, da ja der Chor nicht dabei zugegen gewesen war, sondern nur durch unbestimmte Gerüchte, die sich auf blosse Vermuthungen gründeten, und durch das, was man beim Anbruch des Tages als Resultat erblickte, Kenntniss davon erlangt hatte; es brauchte aber auch oder durfte vielmehr in Rücksicht auf den Zuschauer diese Mittheilung nicht umständlicher sein, da dieser durch die Erzählung, welche der Dichter in passender Weise der Athene als der allein davon Wissenden in den Mund gelegt hat, schon vollkommen davon unterrichtet ist. Ausführlich dagegen erzählt Tekmessa, nachdem sie ihrem gepressten Herzen in rührenden Klagen Luft gemacht und dadurch ruhigere Fassung gewonnen hat, alles das, was in dem Zelte vor und nach der Abwesenheit des Aias sich zugetragen hatte, und dies ist wieder sehr natürlich und passend, da hiervon nur Tekmessa Genaueres wissen konnte und andrerseits für den Zuschauer eine Ergänzung dessen, was er in dem Prolog darüber erfahren hatte, nothwendig war ²⁰). Das Wesentlichste bei dieser Scene aber ist, dass durch die Erzählung der Tekmessa von der tiefen Niedergeschlagenheit, die sich des Helden bemächtigt habe, nachdem er wieder zur Besinnung gekommen sei, und durch das daran sich knüpfende Gespräch ²⁷) nicht nur auf die folgende Scene, in welcher der kaum eben noch in stolzem Siegesjubel aufjauchzende Held so jammervoll niedergeschmettert und gebrochen erscheint, in passender Weise vorbereitet wird, sondern dadurch auch, zusammen mit den angstvollen Klagen des Chors über die erbitterte Stimmung des Heeres gegen Aias, weiter hinaus die Ahnung des von Theilnahme ergriffenen Zuschauers eine bestimmtere Gestalt zu gewinnen anfängt, dass das Uebel noch nicht sein Ende erreicht habe, sondern noch weiter fortwirkend grösseres Verderben erzeugen werde.

Kaum hat Tekmessa ihre Erzühlung vollendet und als Zweck ihres Heraustretens aus dem Zelte die Bitte ausgesprochen, dass der Chor hineingehen und den Aias beruhigen möge, da derselbe, den flehenden Bitten eines Weibes unzugänglich, doch auf das Zureden geachteter Freunde hören werde, so erschallt aus dem Zelte der laute Klageruf des Aias, der uns um so tiefer erschüttern muss, da unmittelbar vorher (V. 319 ff.) durch die Worte der Tekmessa das Bild des unbeugsamen Ielden, der sich sonst durch kein Leid, auch das schwerste nicht, zu lauten, weibischen Klagen hinreissen liess, sondern nur höchstens in dumpfem, verhaltenem Stöhnen seinen inneren Schmerz kund gab, lebendig in uns erneuert worden ist. Er ruft nach seinem Sohne, dessen kindlich unschuldiger Frohsinn ihn trösten, nach seinem in die Mysischen Hochlande auf Beute ausgezogenen Bruder Teukros, von dem allein er Rath und Hülfe in seiner Noth erwarten kann. Aufgefordert von dem Chor, öffnet Tekmessa die Thür des Zeltes, damit dieser die Thaten und den jetzigen Zustand des Aias schaue. Mit ihm erblicken wir jetzt voll schmerazlicher Theilnahme den gefallenen Helden, wie er da sitzt, blutbefleckt unter den blutigen Opfern seines Wahnsinns, erschöpft von geistiger und körperlicher Aufregung, versunken in das vernichtende Gefühl der Schmach, die er selbst auf sich geladen.

Man könnte zweifelhaft sein, ob nicht dieser grässliche Anblick dem Zuschauer durch sofortiges Heraustreten des Aias nach den Worten der Tekmessa: 70099 toipc erspart oder derselbe wenigstens

auf einen kurzen Moment beschränkt worden sei, dann aber Aias, als er seine treuen Gefährten erblickt, 3