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hatte im Uebermass des Gefühles eigner Kraft die Hülfe der GCöttin stolz zurückgewiesen; dafür rächt sich die Göttin und findet eine wohlthuende Befriedigung in der Vollbringung dieser Rache. Dass zu Sophokles Zeit manche über der allgemeinen Bildung stehende Männer eine solche niedrige Auffassung des göttlichen Wesens als unwürdig erkannten, ist zwar keine Frage; aber das Volk als Ganzes erhob sich nicht mit ihnen zu diesem höheren Standpunkt der Betrachtung und selbst die geläuter- ten Ansichten der Gebildeteren blieben nicht immer frei von unedlerer Beimischung. Man denke nur an den Herodoteischen Neid der Götter ¹⁷y. So bleibt die Charakteristik der Athene in unserer Tra- gödie allerdings verletzend für unser Gefühl, aber die nationale Wahrheit derselben dürfen wir nicht bezweifeln. Nur könnte man noch fragen: warum hat gerade Sophokles, der sonst eine reinere und würdigere Ansicht von dem göttlichen Walten so mannichfach kund gibt ²²), die Athene hier mit so harten und schroffen Zügen dargestellt? Ich glaube, wir haben hier einen der auch sonst vorkommenden Fälle, wo man ein für den Dichter vermöge der Natur seines Stoffes unvermeidliches Durchschlagen einer älteren, roheren Anschauungsweise voraussetzen muss. Sophokles, wenn er in der Art der Bestrafung des Aias nicht von der Ueberlieferung abweichen wollte, konnte nicht umhin dieser empörenden Strafe entsprechend auch von der Gottheit, welche diese Strafe verhängt und zur Ausführung gebracht hatte, ein grelles, abstossendes Bild zu geben. Und doch hat er, soviel irgend in seiner Macht lag, dazu gethan um ein milderes Licht darüber zu verbreiten. Schon am Schlusse dieser Scene(V. 119 f.) legt er der Göttin anerkennende Worte über die hervorragende Tüchtigkeit des Helden in den Mund. Und nicht ohne Aufhören lässt er sie zürnen und Rache dürsten; mit der Strafe endigt auch ihr Groll gegen den Bestraften(vergl. V. 756 f. K4l 7⁴ mατν νde Sr)ue uν diag Aoᷣvag iuuie) und ihr eigner Schützling, der steis von ihrer Hand sich leiten liess(V. 35), muss am Schlusse des Stückes durch sein edelmüthiges Einschreiten, welches den gefallenen Helden vor weiterer Schmach bewahrt und seiner Grösse die gebührende Anerkennung zollt, die Versöhnlichkeit und Gerechtigkeit der Göttin bethätigen ¹⁸).
Nachdem also durch die Erzählung des Odysseus von dem was das Gerücht über Aias umhertrug, dann durch die das Gerücht bestätigende und näher bestimmende Mittheilung der Athene in kunstvoller und doch naturgemässer Steigerung das Gemüth des Zuschauers vorbereitet ist, tritt auf den wiederhol- ten Ruf der Göttin der tiefgesunkene Held selbst aus seinem Zelte hervor, in der Hand den dop- pelten Zügelriemen(V. 241) schwingend, mit dem statt einer Geissel er eben noch die vermeint- lichen Feinde gezüchtigt hat; daher der von den alten Grammatikern herrührende Beiname der Tragödie: uœαανπανινοιm⁵ος. Noch ist sein Geist von dem Dunkel des Wahnsinns umnachtet. Sein eigner Mund muss die Einzelheiten seiner unseligen Verirrung, seine jammervolle Erniedrigung kund thun, während er über den herrlichen Triumph frohlockt, den er über seine Feinde errungen zu haben wähnt. Der biedere Mann ohne List und Falsch prahlt mit dem Gelingen seines nächtlichen Ueberfalls. Der mächtige Kämpfer, der sonst in stolzem Selbstvertrauen jede göttliche Hülfe verschmähte, sagt jetzt der Göttin Dank für den Beistand, den er von ihr empfangen zu haben glaubt, und bittet sie ihm allezeit als eine solche Bundesgenossin zur Seite zu stehen, wäührend sie es gerade ist, die ihre verletzte Hoheit rächend ihn der tiefsten Schmach anheim gegeben hat. Diese grausame Ironie des Schicksals ¹⁴), dieser schneidende Contrast zwischen Wahn und Wirklichkeit muss eine erschütternde Wirkung auf die Zuhörer hervorbringen. In empfängliche Gemüther tönt daher, nachdem Aias um sein Rachewerk zu vollenden


