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Homerischen Helden kämpfen, so lange Hoffnung auf Sieg vorhanden ist; schwindet diese, so scheuen sie es nicht das eigne Wohl einer nutzlosen Hingebung vorzuziehen und in der Flucht ihre Rettung zu suchen; Niemand denkt daran sie deshalb weniger zu achten und an ihrem Muthe zu zweifeln. Und in unserm Falle ist es nicht einmal ein blos durch Stärke und Waffenkunst überlegener Feind, dem Odysseus gegenüber treten soll, sondern für denselben streitet auch das Grauen, von welchem jedes natürliche, nicht mit affectirter Männlichkeit prunkende Gemüth sich durch den Zustand eines von Göttermacht in Wahnsinn gestürzten Menschen ergriffen fühlen und bekennen wird. Unter solchen Verhältnissen konnte dem naiven Sinne der Alten gewiss selbst das Geständniss der Furcht, wie es Odysseus nicht undeutlich ablegt, in keiner Weise entehrend oder auch nur dem Helden unangemessen erscheinen ¹⁹). Aber ver- ständige Vorsicht und das jedem Menschen natürliche Grauen vor dem Wahnsinn war es nicht allein, was Odysseus wünschen liess dem Aias fern zu bleiben, sondern auch die theils aus weiser Erwägung der Hinfälligkeit jeder menschlichen Grösse, theils aus hochsinnigem Edelmuth hervorgehende Abneigung an der tiefen Erniedrigung seines Gegners ein peinliches Schauspiel zu haben. In diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn er V. 80 auf die Frage der Athene: oU πμαοαιυνν ννκιαιμςα 1⁶ισοοσ el 6x ος εναν die Erwiederung gibt: àν́uοl εν dOxer 05ν ν d6,³μοοοςqυμιμeνιανν. An und für sich lassen sich diese Worte freilich auch als eine von der Furcht eingegebene Ausflucht auffassen. Diese Möglichkeit schwindet aber, wenn man V. 121 ff. vergleicht und namentlich wenn man das edle Benehmen des Odysseus in der Schlussscene berücksichligt. Den Zuschauer, der das Weitere noch nicht kennt, vor einer momentanen Missdeutung jener Worte zu bewahren, war die Aufgabe des Schauspielers, der überhaupt durch seine ganze Haltung jeder Verkennung des von ihm repräsentirten Helden vorbeugen musste.
Athene hat der Dichter uns in furchtbarer Erhabenheit dargestellt; mit Recht sagt Schneidewin (Philol. IV, S. 453):„sie verläugnet nicht die alterthümliche Herbigkeit der älteren Kunstbildung.“ Da- neben aber ist nicht zu bestreiten, dass ihr gehässiges Benehmen in dieser Scene und noch mehr in dem nachfolgenden Gespräch mit Aias einen für unser Gefühl widerwärtigen Contrast gegen den Edelmuth des Odysseus bildet. Man wird zwar die Scene zwischen Athene und Aias gewiss nicht in der Weise betrachten dürfen, als suche die Göttin nur einen Genuss in der Verhöhnung des Helden vor dem Angesicht seines Gegners, sondern wird annehmen müssen, dass sie hauptsächlich bezweckt den grossen Mann in seiner tiefen Erniedrigung dem Odysseus und damit dein gesammten Volke als ein warnendes Beispiel der von der göttlichen Rache getroffenen Selbstüberhebung vorzuführen. Für diese Auffassung sprechen entschieden die Worte: Oeiko 0e α m—σ⁶ ⸗ꝗτνε πειασν„6Gον, dg Tαν ⁴Hονκοιινσ aigud» oof̃g(V. 66 f.), in Verbindung mit den Schlussworten: Toαοπασα Toivνν 81G0960» VnONOTO» 1uney ror elng æαοςσ ες ϑeεοςσ εmQοςσ, ονq ην d etc. Doch bleibt namentlich in den Worten(V. 79): oöxouν μις ⁷σο eig ex ϑυοσιςσ νκεν und in dem hohnischen Eingehen auf die wahnsinnigen Vorstellungen des Aias noch immer genug Verletzendes für unser Gefühl zurück. Aber man würde Unrecht thun darauf einen Vorwurf für den Dichter gründen zu wollen. Dass Hass und Rachsucht mit der Idee eines göttlichen Wesens unverträglich sei, ist ein Gedanke, welcher der griechischen Volksreligion durchaus fremd war. Göttliche Strafe erschien dem Griechen nicht als Aus- fluss einer parteilosen Gerechtigkeit, die mit menschlicher Leidenschaft nichts gemein hat, sondern als ein Product der Erbitterung, mit welcher die Gotftheit ihre verletzte Macht und Würde rächt. Aias
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