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bis zum Zelte des Aias gelangt und schleicht nun spähend um dasselbe herum, begierig einen Blick in das Innere zu werfen. Da vernimmt er mit Freuden das Wort seiner göttlichen Beschützerin, welche ihm unsichtbar nahe ist?). Athene befragt ihn um den Zweck seines Spähens. Es könnte dies auffallen, da sie denselben recht gut kennt. Es ist aber einerseits der Exposition wegen nöthig; andrerseits verfahren ja bei den alten Dichtern die Götter ganz gewöhnlich ebenso wie die Menschen; und auf welche Weise hätte demnach Athene das Gespräch mit Odysseus natürlicher anknüpfen können, als indem sie ihn nach seinem Vorhaben fragte; vergl. Hom. II. I, 362— 65. Odpysseus erhält dadurch Veranlassung das Ereigniss, durch welches das ganze Heer in Aufregung versetzt war, soweit es ihm bekannt ist, zu erzählen und Aias als den zu nennen, welchen die allgemeine Stimme als den Thäter bezeichne. Athene bestätigt diese Vermuthung und theilt ihrem Schützling die näheren Umstände und die Motive der That mit, und wie Aias noch immer von Wahnsinn befangen in dem Zelte gegen die gefesselten Thiere wüthe. Dann will sie den Odysseus auch durch den Augenschein von dem Zustande seines tiefgedemüthigten Feindes überzeugen, damit er allen Achäern davon Kunde gebe, und ruft deshalb den Aias, dass er aus dem Zelte kommen möge. Odysseus bittet die Göttin dringend dies zu unterlassen, und erst als dieselbe ihn für Aias un- sichtbar zu machen verspricht, fügt er sich, und selbst da noch ungern, ihrem Willen.
Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als zeige sich hier der Sohn des Laertes in dem unwür- digen Lichte eines verächtlichen Feiglings. Wenn dem wirklich so wäre, so würde dadurch, abgeschn von dem widerwärtigen Eindruck, den an und für sich ein solcher der Erhabenheit der Tragödie unange- messener Charakter hervorbringen müsste, der Schlussscene unseres Dramas nicht nur alle Wirkung, son- dern gradezu alle psychologische Motivirung abgeschnitten- sein und Odysseus könnte weder als ein würdiger Gegner des Aias in dem Waſfenstreite noch als eine geeignete Persönlichkeit für die bedeutsame Stellung, die der Dichter ihm angewiesen hat, erscheinen. Odysseus ist in unserer Tragödie entschieden die zweite Hauptperson, nicht blos weil er zur Entwickelung und zum Abschluss der Handlung am meisten beiträgt, sondern auch deshalb weil er in seinem Charakter gewissermassen das Gegenstück zu KAias ist. So wie bei diesem die grossartige Kühnheit und Selbstständigkeit des seiner Kraft und seinem Schwerte vertrauenden Helden als hauptsächlicher Charakterzug hervortritt, ohne dass es ihm aber deshalb an besonnener Klugheit gebricht, so macht sich umgekehrt bei Odysseus, in Sophokles wie in Homer's Dichtung, obwohl es ihm an mannhafter Tapferkeit keineswegs fehlt, doch vorzugsweise seine kühle, bedächtige Klugheit als charakteristisches Merkmal geltend. Diese bewahrt ihn auch vor jeder Ueber- schätzung seiner und überhaupt menschlicher Kraft und führt ihn, während bei Aias das Selbstgefühl sich bis zu stolzer Zurückweisung der göttlichen Hälfe steigert, zu jener chrerbietigen Hingebung an die Leitung Athene's, wie er sie am Schlusse seiner ersten Rede ausspricht: eνεα pdo ·d od 1009, r elgéeira ‿ερννν. ο veoi. Auch indem er das Zusammentreffen mit Aias zu vermeiden sucht, bleibt er nur seinem Charakter treu. Wäre Aias in normaler Geistesgesundheit gewesen, so würde Odysseus es nicht gescheut haben mit seinem erbitterten Feinde Zusammenzutreffen(V. 82); dem Sinnverwirrten aber ohne Grund und Zweck gegenüber zu treten scheint ihm mit der Vorsicht und Besonnenheit unvereinbar. Eine solche Vorsicht hatte aber nach den Begriffen der Homerischen Welt nicht im entferntesten etwas Entwürdigendes. Denn diese hatte ja keine Ahnung von jenem Point d'hönneur, welches verlangt, dass der Mann aueh vor der übermächtigsten Gefahr, selbst ohne dass es der Erreichung eines hohen Zweckes gilt, nur um der persönlichen Ehre willen nicht zurückweiche. Die


