Aufsatz 
Über Sophokles Aias / von Weismann
Entstehung
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die Schnelligkeit und Sicherheit, mit der er sich wieder zu einer grossartigen Ruhe emporringt. Und gewiss, es war nichts Geringes, was diesen felsenfesten Sinn für einen Augenblick aus der gewohnten Bahn gedrängt hatte. Handelte es sich doch nicht um ein vereinzeltes Siegen oder Unterliegen, sondern um seine ganze Waflfenehre, den Ruhm seines ganzen Lebens. Die Heftigkeit der Erschütterung, welche eine Niederlage unter solchen Umständen auf das Gemüth des Helden hervorbringen musste, können wir erst dann vollständig bemessen, wenn wir einen ferneren wesentlichen Charakterzug des Sophokleischen Aias ins Auge fassen. Es ist dies das stolze Selbstgefühl, das seines Werthes sich in vollstem Masse bewusst ist und auch von Andern volle Anerkennung heischt, das hohe Selbstvertrauen auf die eigne Kraft, das nicht nur listiger Anschläge, sondern auch fremder Unterstützung überall entrathen zu können glaubt. Ja es steigert sich dieses Selbstvertrauen bis zu stolzer Zurückweisung selbst der göttlichen Hülfe. Aias ist zwar nichts weniger als ein frevelhafter Gottesläugner oder Gottesverächter; er verkennt und missachtet durchaus nicht die göttliche Gewalt und Hoheit. Aber das Uebermass des Bewusstseins seines göttergleichen Heldenthums macht es ihm unmöglich sich in der demüthigen Weise des klugen Odysseus ganz der Leitung der Götter hinzugeben; fast auf gleicher Stufe sich mit ihnen fühlend, hält er es, wenn auch nur in Momenten ungewöhnlicher Erregtheit, für unnöthig und seiner unwürdig, sich auf ihre Hülfe zu stützen; das mögen Schwächere thun, er aber vertraut auch ohne ihre Hülfe durch eigene Kraft sich herrlichen Ruhm zu erringen(V. 767 ff.). Dieser Charakterzug des Aias ist von Homer nur mit leiser Hand angedeutet*). Sophokles dagegen lässt ihn bei seinem Helden klar und scharf hervortreten und hat so das bedeutsame Motiv gewonnen, auf welches er eine grossartige tragische Katastrophe stützen kann. Das Uebermass des Selbstgefühls macht es Aias unmöglich eine so schwere Verletzung desselben, wie sie in dem ungerechten Ausspruch des Waffengerichtes enthalten war, ruhig zu ertragen; im Blute seiner Feinde, ja des gesammten Heeres, will er Rache suchen. Aber Athene, schon in früherer Zeit durch ver- messene Selbstüberhebung schwer von ihm gekränkt, lässt den Racheversuch zu seinem eignen Verderben ausschlagen, auf dass die Kleinheit aller menschlichen Grösse gegenüber der allgewaltigen Göttermacht offenbar werde.

Die Scene ist bis V. 814 vor dem Zelte des Aias. Dieses bildet die Mitte der Rückwand der Bühne; rechts und links schliessen sich an dasselbe die Zelte und Schiffe seiner Gefährten an*). Da nach der Sage, der auch Sophokles folgt(V. 4 und 874 ff.), Aias mit den Seinigen in dem Schiffslager der Achäer die äusserste Stellung nach Osten inne hatte, so kann man sich, mit Rücksicht auf V. 412 fl., auf der öst- lichen(rechten) Seite der Bühne eine Fels- und Waldparthie, vielleicht mit einer Durchsicht auf das Meer, dargestellt denken.

Den Prolog bildet ein Gespräch zwischen Athene und Odysseus. Der letztere hat sich auf die Nach- richt von dem Morde des Viehes sogleich aufgemacht um nachzuspüren, ob derselbe, wie das Gerücht sagt, von Aias vollbracht worden sei. Sehr passend und wahrscheinlich hat der Dichter zu diesem Geschäfte grade den Odysseus gewählt. Denn dieser ist seiner ganzen Persönlichkeit nach dazu am besten geeignet, wie Athene selbst ihm bezeugt(V. 1 u. 2: del ³μιυeν, mQμα☚α Aαοτν, dsοοσν⁴ οσέ e&r⁴ν τιo½‿,ιν dοπςσσι 9ο⁶κνεέꝙον s), und ist andrerseits durch seine besondere Stellung zu Aias vorzugsweise ver-

anlasst auf das Beginnen desselben zu achten, da er von ihm als seinem Feinde das Schlimmste gewärtigen musste, wenn derselbe einmal den Kreis des vernünftigen menschlichen Handelns überschritten hatte. Darum sagt er auch V. 24: e[ elοννπιςτQωνον mπέαιμιμνιυμ αmνρ. Schon ist er den Spuren folgend