Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

29

durchaus unhaltbaren Amalgame, dem Ammoniumamalgame, gewonnen worden. Haltbarer, jedoch, wie die früher erwähnten Diſſociationserſcheinungen beweiſen, nur bis zu einem bald erreichten Grade, iſt der aus Ammoniak NH, und Salzſäure ClH durch Vereinigung zweier Molecüle zu einem einzigen entſtandene Salmiak. Auch das Phosphorchlorid iſt eine nicht ſehr beſtändige Verbindung, indem ein ſchwaches Erhitzen hinreicht, das Molecül in die zwei Molecüle Phosphorchlorür und Chlor zu zerlegen. Kekulé erklärt demgemäß dieſe überſättigten Ver⸗ bindungen für moleculare und ſtellt ſie den atomiſtiſchen gegenüber, deren Hauptkennzeichen er in ihre große Widerſtandsfähigkeit gegen die kräftigeren Einwirkungen verlegt. Der Zuſammenhalt der atomiſtiſchen Verbin⸗ dungen wird durch die Affinitätseinheiten bedingt.In den Molecülverbindungen ſind Molecüle nähere Beſtandtheile, welche zuſammengehalten werden, nicht in Folge wechſelſeitiger Bindung von in letzter Linie den in ihnen enthaltenen Elementaratomen entſtammenden Bindungseinheiten, ſondern durch wechſelſeitige Geſammtan⸗ ziehungen, welche die einzelnen gleichartigen oder ungleichartigen Molecüle als ſolche auf einander ausüben und welche Geſammtanziehung eines Molecüls aufzufaſſen iſt als die Reſultirende der von den einzelnen es zuſammen⸗ ſetzenden Atomen ausgeübten Anziehungen. Ueber die Exiſtenz dieſerMolecülverbindungen nach feſten Ver⸗ hältniſſen hat ſoeben A. Naumann ſowohl experimentelle wie theoretiſche Unterſuchungen veröffentlicht.

Dieſen Anhängern der conſtanten Valenz ſtehen gegenüber jene Chemiker, welche für einzelne Elemente eine wechſelnde Valenz annehmen. Während Buff(1866) z. B. durch Berückſichtigung der ſpecifiſchen Volume der Körper glaubt beſtimmen zu können, welche Valenz in den einzelnen Fällen einem Elemente zukommt, erklärt Claus(1871) eine Reihe merkwürdiger Reactionsverſchiedenheiten von Stickſtoff und Schwefel enthaltenden organiſchen Verbindungen dadurch, daß beide Elemente unter gewiſſen von ihm näher angegebenen Umſtänden eine andere Valenz zeigen. So iſt nach ihm in den Nitroverbindungen der Fetttörper der Stickſtoff dreiwerthig; dagegen führen charakteriſtiſche Reactionen gegenüber der in aromatiſchen Subſtanzen auftretenden Nitrogruppe darauf, eine Erklärung des andern Verhaltens in der Annahme der Fünfwerthigkeit des Stickſtoffs zu ſuchen. Es iſt jedoch eine Eigenthümlichkeit der letzteren Modification, ſich leicht in die dreiwerthige Modification überführen zu laſſen, und gerade dieſe chemiſche Reaction iſt es auch, welche die Verſchiedenheit des Stickſtoffs in der jedenfalls einwerthigen Gruppe NO zu beweiſen ſcheint. Durch geeignete Reductionsmittel wird dieſe Gruppe in den aromatiſchen Subſtanzen in die Amidogruppe NHa, welche nur trivalenten Stickſtoff enthalten kann, übergeführt, dagegen in den Fettkörpern zu völligem Zerfall gebracht. Aehnliche Verhältniſſe ſind bei den organiſchen Schwefelverbindungen zu beobachten. Dem Bau des Molecüls im Allgemeinen, der Qualität und Quantität gewiſſer mehr oder weniger nahen Atome anderer Elemente ſchreibt man einen geſetzmäßig erkannten Einfluß auf die Werthigkeit des Schwefels zu, der je nach den obwaltenden Umſtänden zwei⸗, vier⸗, ja ſogar ſechswerthig ſein kann. Der allgemeine Charakter der dieſe verſchiedenen Schwefelmodificationen enthaltenden Subſtanzen wird als ein ſo ſcharf ausgeprägter erklärt, daß man letztere in Thio⸗ und Sulphonverbindungen trennt, je nachdem ſie zwei⸗ oder mehrwerthigen Schwefel enthalten. In einer Weiſe, die den genannten Beziehungen in Einigem analog ſein dürfte, ſind die Meinungen verſchieden bezüglich der Werthigkeit einiger Metalle, z. B. des Eiſens, Kupfers, und man unterſcheidet in den Oxydulen z. B. vierwerthiges Ferroſum, in den Oxyden ſechswerthiges Ferricum, ferner zweiwerthiges Cuproſum und Cupricum.

§. 12. Nachwort.

Die vorliegenden Notizen ſtellen kein überſichtliches Bild des Syſtems der heutigen Chemie dar; ſie ſollten vielmehr die Geneſis der Anſichten an wenigen, jedoch in der Entwicklungsgeſchichte bedeutungsvollen Streitfragen andeuten. Wir müſſen es uns verſagen, auch auf mancherlei Inconvenienzen der heutigen Theorieen und ins⸗ beſondere auf die Nachtheile des völligen Mangels einer brauchbaren, conſequenten Nomenclatur aufmerkſam zu machen. Augenblicklich iſt nicht das geringſte Anzeichen vorhanden, das auf einen ebenbürtigen Erſatz jener der dugliſtiſchen Auffaſſungsweiſe entſprechenden und ſo vorzüglichen Berzelius'ſchen Nomenclatur hoffen ließe. Ebenſo iſt es geboten, einer näheren Beſprechung der in der organiſchen Chemie ſich immer mehr behauptendenKerntheorie, ſowie der entgegengeſetzten Meinungen in der Gegenwart und insbeſondere der heutigen Stellung Kolbe's gegenüber