— 28—
Die angeführten Beiſpiele hatten den Zweck, den Begriff der Structur, die Verkettung der Atome zu einem Molecül zu verdeutlichen. Die Radicale in der früheren Bedeutung als reeller Größen ſind dabei abhanden ge⸗ kommen, und ſie exiſtiren gewiſſermaßen nur in der Idee; ſie werden als„fingirte Bequemlichkeitsgrößen“ und der Einfachheit der Betrachtung wegen beibehalten, inſofern gewiſſe Atomgruppen bei einer Reihe von Veränder⸗ ungen des Molecüls als ſtets zu Beübhhteide Reſte, als additive oder abſpaltbare Gruppen einen feſtern Zuſammen⸗ halt zeigen.
Durch die gegebene Darſtellung ſollte im Zuſammenhange auf die große Tragweite der Annahme von der Vierwerthigkeit des Kohlenſtofſs auf den großartigen Einfluß ihrer Conſequenzen hinſichtlich der theoretiſchen und experimentellen Wiſſenſ ſchaft hingewieſen werden. Es iſt hier noch nachzutragen, daß, wenn die oben beſprochene Hypotheſe von der Valenz zur Erklärung bekannter Thatſachen bezüglich einer Anzahl anderer Elemente benützt wird, man die Sechswerthigkeit z. B. des Wolframs, Vanadins und Molybdäns annehmen muß; als Typus für Mergiuxündea dieſer Glemenie diente das Wolframchlorid W Cla. 3
1. 144 Conſtante und veränderliche Valenz.
Es bleibt moch übrig, in der Anknüpfung an die früheren Angaben bezüglich der Beſtimmung der Valenz⸗ noch kurz einige Andeutungen über Meinungsverſchiedenheiten folgen zu laſſen und uns dadurch mitten in den Streit der Gegenwart zu verſetzen. Sie beziehen ſich auf die lebhaften Discuſſionen, welche das Lager der Structur⸗ chemie ſelbſt in zwei Parteien ſpaltet, und welche von den Gegnern als ſchwache Punkte beim Angriffe benützt werden. Die Erörterungen haben zum Gegenſtande jene mehrwerthigen Elemente, welche mit einwerthigen Elementen Verbindungen in multiplen Verhältniſſen eingehen. Der dreiwerthige Stickſtoff bedarf zu ſeiner Sättigung drei Waſſerſtoffatome; es iſt demnach das Ammoniak eine geſättigte Verbindung, in dem Molecül desſelben iſt keine freie Affinität mehr vorhanden. Es fragt ſich nun, wie iſt das Zuſtandekommen des Salmiaks oder Chlorammoniums zu erklären; wodurch iſt der Zuſammenhalt eines Molecüls bedingt, worin an ein Stickſtoffatom vier Atome Waſſerſtoff und ein Chloratom gebunden ſind? Aehnlich verhält es ſich, um ein weiteres Beiſpiel anzuführen, mit dem Phosphorchlorid PCl.. In dem Molecül desſelben ſind um das dreiwerthige Phosphoratom fünf Chloratome gelagert. Derartige Verbindungen wurden überſättigte genannt und zur Erklärung ihrer Exiſtenz war ſelbſt⸗ verſtändlich unbrauchbar die Annahme von der Verknüpfung gleichartiger, jedoch mehrwerthiger Atome.
Der Begriff der Valenz entwickelte ſich urſprünglich in der Vorausſetzung, daß die Größe derſelben etwas unveränderliches, ein einem jeden Elemente zukommendes ſpecifiſches Merkmal ſei. Und in der That ſtimmen die meiſten Chemiker darin überein, daß die heutigen Auffaſſungen ganz auf dieſer Vorausſetzung beruhen und wenigſtens in der jetzigen Form nur aufrecht erhalten werden können, wenn einem und demſelben Elemente nicht verſchiedene Valenzen zugeſchrieben werden. Unter dieſen Chemikern haben ſich jedoch zwei Anſichten Bahn gebrochen, welche ſich auf die Art der Beſtimmung der Werthigkeit beziehen. Die vorzüglich von Naquet vertretene Anſicht glaubt die Valenz eines Elementes durch jene Verbindung feſtſtellen zu können, welche dasſelbe im größten Verhältniſſe mit einwerthigen Elementen wie Waſſerſtoff, Chlor u. dergl. einzugehen vermag. Hiernach würden, wie aus den obigen Beiſpielen hervorgeht, Stickſtoff und Phosphor nicht als dreiwerthige, ſondern als fünſwerthige Elemente zu bezeichnen ſein. Die Valenz in dieſem Sinne drückt das Maximum der Sättigung aus; alle niedrigeren Verbindungen würden als ungeſättigte aufzufaſſen und die Conſtanz der Valenz würde inſofern doch ſehr fraglich ſein, als ſie von dem gegenwärtigen Stande unſerer Kenntniſſe abhängig iſt und in Folge der Entdeckung einer noch höheren Verbindung jenes Elementes demgemäß vergrößert werden müßte. Eine größere Wahrſcheinlichkeit beſitzt die Anſchauung Kekulés. Sie verlangt zu erforſchen, welche von den verſchiedenen Verbindungen den feſteſten Zuſ ammenhalt, die größte Beſtändigkeit zeigt und nur aus dieſer Verbindung iſt die Werthigkeit abzuleiten. Es ſind nun wirklich Phosphorchlorür PCl, und Ammoniak NI. jene Verbindungen, welche das feſteſte Gefüge zeigen, ſo daß aus dieſen die ſchon oben angegebene Valenz der genannten Elemente hervorgehen würde. Geſetzt auch den Fall, daß Stickſtoff fünfwerthig ſei, ſo würde die Exiſtenz des Ammoniaks auch die der Verbindung N. als ſicher vorausſetzen laſſen. Allein dieſe iſt trotz aller Bemühungen bis jetzt nicht in freiem Zuſtande darſtellbar geweſen und nur in einem


