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der„Structurchemie“ ſich zu enthalten. Viele namhafte Chemiker behaupten, daß ein ganz irrelevanter Unterſchied bezüglich der letzteren obwalte, was Kolbe energiſch zu beſtreiten jedoch nie unterläßt. Bei einer Wiſſenſchaft, welche wie die Chemie in kürzeſten Zeitabſchnitten ſo gewaltige Veränderungen erlebte, kann es nicht ausbleiben, daß die Vorkämpfer der leitenden Principien ſtets bereit ſind, ſichere oder vermeintliche Schwächen der gegneriſchen Anſichten zu benützen, um ihrer Anſchauung zum Siege zu verhelfen. Alle Parteien ſtreben nach der Wahrheit, die eine oder die andere auf einem größeren Umwege; alle tragen das herbſüße Gefühl in der Bruſt, die Wahrheit nur ſuchen zu dürfen; das Streben an und für ſich gewährt den Genuß, und ohne Ringen und Kampf kann kaum das Leben gedacht werden. Niemand vermag mit abſoluter Gewißheit zu behaupten, daß irgend eine Theorie der Wahrheit näher komme; ſie wird ausſchließlich nach ihrem Erfolge taxirt. Niemand beſitzt den Maßſtab zur Ausmeſſung des bis zum verſchleierten Ziele noch zurückzulegenden Weges. Schon daraus dürfte hervorgehen, daß eine Theorie die andere gleichzeitige oder frühere nicht mißachten darf; ſie kann dies auch nicht thun aus Rückſicht auf ſich ſelbſt, um nicht einem gleichen Schickſale ſeitens der nachfolgenden zu verfallen. Jedoch gleich nutzlos, vielmehr ſchädlich iſt es, ſowohl ſtarrſinnig an veralteten Anſichten feſtzuhalten, als wankelmüthigen Sinnes jeder Neuerung ſich hinzugeben.
Die heutigen Theorien geben der Chemie ein entſchieden wiſſenſchaftlicheres Gepräge; ſie bildet nicht mehr eine nach beliebigem Syſteme geordnete Zuſammenreihung aufgefundener Thatſachen. Jede neue Entdeckung erhält alsbald ihre Stelle im wiſſenſchaftlichen Syſteme und tritt darin in Verknüpfung nach allen Seiten. Die Wiſſen⸗ ſchaft beginnt, wie aus den obigen Notizen hervorgehen ſoll, in jene glücklichere Situation zu gelangen, aus gegebenen Bedingungen Schlüſſe auf noch Unerforſchtes zu ziehen, aus dem empiriſchen Stadium in„eine Art Philoſophie“ überzugehen. Dieſe großen Fortſchritte verdankt man dem conſequenten Ausbau der Atomiſtik, der Unterſcheidung zwiſchen Atom und Molecül, der Einführung der Valenz. Leicht begreiflich daher, daß die Chemie die Idee Dalton's hochhält und ſie als den wichtigſten, nach Lavoiſier gemachten Fortſchritt bezeichnet. Das Weſen der Valenz iſt, wie überhaupt das der Affinität, uns noch völlig unaufgeklärt und ein Begriff, der, aus einer Reihe von Thatſachen hergeleitet, andern Thatſachen nicht widerſpricht. Zur Aufhellung dieſes Dunkels hat man Wege eingeſchlagen, von welchen ſchon oben hervorgehoben wurde, daß ſie höchſt wahrſcheinlich zum Ziele führen.„Die größte bisherige Errungenſchaft in der molecularen Lehre der Eigenſchaften des Stoffes iſt die aus der mechaniſchen Wärmetheorie abgezweigte kinetiſche Theorie der Gaſe. Wenn dieſe Theorie, deren Grundzüge durch die Arbeiten von Clauſius und Maxwell gezogen ſind, vollendet ſein wird, ſo werden wir die große Frage: Was iſt des Molecüls Inner⸗Mechanismus? zu confrontiren haben.“ Eine Aufklärung, wenn auch vorläufig von untergeordneter Bedeutung, hat uns dieſe Gastheorie gebracht. Es war bisher gebräuchlich, mit dem Wort Atom den Begriff des Unmeßbarkleinen zu verbinden. Auf Grund der erwähnten Theorie von den Bewegungen der Gasmolecüle hat Loſchmidt(1865) die Dimenſionen derſelben gefunden. Man hat die gegründetſte Hoffnung, durch die fortgeſetzte Vervollkommnung dieſer Lehre, durch die hierdurch jedenfalls ermöglichte Er⸗ forſchung der Bewegungsverhältniſſe der Atome innerhalb des Molecüls die Chemie in eine„Mechanik der Atome“ umgeſtalten zu können.„Wird das erreicht ſein, ſo werden wir in Bewunderung über das Kreiſen der winzigen Atome für eine Weile den Lauf der Planeten und die Muſik der Sphären unbeachtet laſſen.“
Der mir zugemeſſene Raum nöthigte dazu, auf eine vollſtändige Angabe der zu vorſtehendem Referate benützten Literatur zu verzichten. Doch drängt es mich, hier hervorzuheben, daß, abgeſehen von den ſchon citirten Werken, einer Anzahl von Fach⸗ zeitſchriften und Broſchüren, die Ladenburg'ſche Entwicklungsgeſchichte der Chemie die erſte Anregung zur vorliegenden Zu⸗ ſammenſtellung gab.


