Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
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Falle iſt eine totale Zerſtörung die Folge. Es hat daher das Kohlenſtoff⸗ oder Schwefeldoppelatom in der Ver⸗ bindung einen ganz andern Werth als die Kohlenſtoffatome der ſubſtituirten Radicale. So kann z. B. im Grubengas

CaH. ein Waſſerſtoffatom durch das einwerthige Methyl C⸗Hs erſetzt werden, wodurch Enenr entſteht; der durch 2113

das Methyl eingeführte Kohlenſtoff hat im Vergleich zum Stammradical eine ganz untergeordnete Bedeutung. Die Art, wie aus den an Kohlenſtoff ärmeren Verbindungen die reicheren entſtehen, erklärt Kolbe im Gegenſatze zu Kekulé, welcher ſie durch die Verkettung einer gewiſſen Anzahl Kohlenſtoffatome deutet, dadurch,daß das Methyl dem Waſſerſtoff überhaupt nicht bloß leicht zu ſubſtituiren, ſondern demſelben in ſeinen chemiſchen Eigenſchaften auch ſo ähnlich iſt, daß es die Waſſerſtoffatome des Methyls ſelbſt erſetzen kann. Dieſe faſt unbegrenzte Einſchachtelung von Methyl in Methyl benützt nach Kolbe die organiſche Natur,um in den mikrochemiſchen Werkſtätten der Pflanzen, welche Zellen heißen, die kohlenſtoff⸗ und waſſerſtoffarmen Verbindungen in die kohlenſtoff⸗ und waſſer⸗ ſtoffreichen Glieder der fetten Säuren und verwandte Verbindungen umzuwandeln. Aus(C,0.). O.. 2HO entſteht durch Erſetzung von O.H durch das gleichwerthige H die Ameiſenſäure(C,0.) O. H. HO. Wird hierin H durch Cꝛll erſetzt, ſo entſteht Eſſigſäure(C,O.) O.(C. H.), HO. Tritt an die Stelle eines Waſſerſtoffatoms des darin vorkommenden Methyls ein neues Atom Methyl, ſo entſteht Propionſäure; bei weiterer Fortſetzung dieſer letzteren Subſtitution die Butterſäure; bei der ſiebzehnten Subſtitution reſultirt Stearinſäure. Dieſe Ideen und deren Conſequenzen, welche Kolbe zur Grundlage ſeines Syſtems gemacht, waren von großer Fruchtbarkeit; ihr Urheber verkündete auf ſie geſtützt die Exiſtenz und ſogar das chemiſche Verhalten gewiſſer Klaſſen von Verbindungen voraus, durch ſpätere Unterſuchungen haben ſich ſeine Gedanken auf glänzende Weiſe gerechtfertigt. Doch fand die damalige Schreibweiſe Kolbe's bei den Chemikern wenig Beiſtimmung, weil ſie nur mit den alten Atomgewichten möglich war; ſeine Formeln repräſentiren zum Theil halbe Molecüle und es treten in ihnen halbe Atome auf. Erſt ſpäter (1869) geſtaltete Kolbe dieſelbe um, indem er dem Druck der Thatſachen nachgebend Aequivalent, Atom und⸗ Molecül unterſchied.

Vergleicht man die Kolbe'ſchen Formeln mit jenen der Gerhardt'ſchen Typentheorie, ſo zeigt ſchon ein ober⸗ flächlicher Blick, daß, während in den letzteren zum Theil maſſige Radicale auftreten, in den erſteren dieſe Radicale in einfachere Beſtandtheile zerlegt ſind. Wir haben angedeutet, daß dieſe planvolle Zerlegung der Formeln dem genialen Chemiker die Möglichkeit gewährte, eine Reihe von Behauptungen auszuſprechen, deren Richtigkeit ſpäter experimentell außer Zweifel geſtellt wurde. Der Vortheil dieſer Zerlegung war dadurch jedem klar und hierin liegt die hohe Bedeutung der Kolbe'ſchen Ideen auch ſür ſeine Gegner, die ſich nunmehr einer ähnlichen Schreibweiſe bedienen, ohne daß man eigentlich einen directen Einfluß Kolbes nachweiſen kann. Denn ein Zurückgehen auf die einzelnen Atome und deren Bedeutung in der Verbindung kann auch als nothwendige Folge von der Annahme der gegenſeitigen Bindung der Atome angeſehen werden. Von beſonderem Intereſſe bezüglich dieſer neueren Auffaſſungs⸗ weiſe iſt der zuerſt von Kolbe und Würtz angeregte Streit über die Baſicität der Milchſäure(1858 ff.) Der erſt⸗

genannte Chemiker erklärt ſie für eine einbaſiſche Säure und ſtellt für ſie die Formel HO.(c. Hn). C.O.. O (wo C= 6) auf; der andere tritt für ihre zweibaſiſche Natur in die Schranken und ſchreibt ihre Formel auf Grund

H verſchiedener Reactionen(C.H.O) 0(wo C= 12). Es ſtellte ſich bei dieſer Auseinanderſetzung heraus, daß H 1 0

bei der Würtz'ſchen Schreibweiſe die zwei typiſchen Waſſerſtoffatome ganz verſchiedene Rollen ſpielen, eine Erkennt⸗ niß, welche Würtz veranlaßte, die Begriffe Baſicität und Atomigkeit zu trennen und die Milchſäure, wenn nicht eine zweibaſiſche, ſo doch eine zweiatomige Säure zu nennen. Ein gleiches Verhalten wie die Milchſäure zeigt auch

H die Glycolſäure, deren typiſche Formel(C.H.O)) 9.. Eine Erklärung des verſchiedenen Charakters der beiden IB

typiſchen Waſſerſtoffatome in dieſen Säuren, wovon das eine durch Metalle, das andere nur durch Säureradicale,