Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
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NRadicals Glyceryl(C.II.) erklärt ſich hieraus ebenſo einfach. Das erſte Kohlenſtoffatom iſt mit einem Affinitäts⸗ punkt an das zweite geheftet, wodurch von den zwölf Einheiten zunächſt zwei verſchwinden; das zweite wieder mit einem Affinitätspunkt an das dritte, wodurch wieder zwei, alſo im Ganzen vier Einheiten zum Zuſammenhalt der Kohlenſtoffatome verbraucht werden. Es ſind demnach noch acht chemiſche Einheiten an dieſem Kohlenſtoffgerüſte übrig. Lagern ſich daher an dieſes Gerüſte ſieben Waſſerſtoffatome, ſo haben wir das einwerthige Radical Propyl (C.H.); ſind es nur ſechs Waſſerſtoffatome, ſo entſteht das zweiwerthige Nadical Propylen(C.IH.); im Glyceryl endlich ſind an das Kohlenſtoffgerüſte nur fünf Atome Waſſerſtoff angefügt, ſo daß noch drei offene Affinitäts⸗ punkte übrig bleiben.

Wir haben geſehen, wie die Lehre von der Valenz der Elemente ſich aus der Typentheorie naturgemäß entwickeln mußte; wir können im Folgenden nur kurz andeuten, wie letztere für dieſe neue Lehre bei ihrer ferneren Entwicklung in mehrfacher Beziehung ſich als zu eng und unzureichend erwies, und wie grade hierdurch die Chemie in die gegenwärtigen Bahnen einlenkte.

Die Begründer und Anhänger der Typentheorie faßten, wie ſchon oben geſagt, die typiſchen Formeln nur als Umſetzungsformeln, als Reactionsſchemata auf und glaubten daher, daß, da viele Körper vielfache Reactionen zeigen, auch für ſie mehrfache typiſche Formeln aufgeſtellt werden könnten, und daß ſomit die typiſche Darſtellungsweiſe durchaus nicht ein Bild der wirklichen Lagerung der Atome abgebe. Nun hat aber Hermann Kopp durch ſeine Unterſuchungen über die ſpecifiſchen Volume der Verbindungen gefunden, daß ſich dieſe aus den ſpecifiſchen Volumen ihrer Elemente berechnen laſſen, wenn jedem Element ein gewiſſes ſpecifiſches Volumen zukommt, welches nicht immer dasſelbe, ſondern davon abhängig iſt, in welch näherem Zuſammenhange das Element in der Verbindung auftritt. Der Sauerſtoff hat zwei verſchiedene ſpecifiſche Volume, je nachdem er intra⸗ oder

extraradicaler Sauerſtoff iſt. Hiernach dürfen z. B. die ältere typiſche Formel der Schwefelſäure N) 80, und die neuere Go) 0 nicht als gleichberechtigt angeſehen werden. So wurde die jüngere Schule der Chemiker 2.

durch phyſikaliſche Gründe dahin gedrängt, den rationellen Formeln einen größeren Werth beizulegen, ſich zu be⸗ mühen, was Kolbe ſtets gepredigt hat, die wirklichen Conſtitutionsformeln zu finden.

§ 10. Die Conſtitutions⸗ und Structurformeln.

Es erſcheint hier paſſend, den Verſuch zu wagen, in wenigen Worten die Entwicklung jener Anſichten, als deren hervorragendſter Vertreter in der Gegenwart Kolbe daſteht, zur Darſtellung zu bringen. Dieſe chemiſche Schule trug weſentlich dazu bei, die oben erwähnte durch phyſikaliſche Gründe befürwortete Anſicht von jenen ver⸗ ſchiedenen Rollen, welche Atome eines und desſelben Elementes in Verbindungen übernehmen können, auch mit chemiſchen Gründen zu belegen; ihr iſt überhaupt ein bedeutender Antheil an der Entſtehung der heutigen Theorie zuzuſchreiben.

Schon oben wurde angedeutet, daß Kolbe bezüglich der Radicale die Berzelius'ſche Erbſchaft in völligauf⸗ gelöstem Zuſtande übernahm und daraus ſeine gepaarten Radicale formte(1848). Er unterſchied einfache Radicale z. B. Methyl C.H.(in der früheren Schreibweiſe), Aethyl C. H, u. ſ. w. von den aus dieſen entſtehenden gepaarten Radicalen. Durch Paarung des Methyls mit Kohlenſtoff z. B. entſteht das von dieſer Schule ſo genannte Acetyl (C. Hl.) Ca.

Die Typentheorie gibt der Eſſigſäure die Formel Co O oder in den älteren Atomgewichten d..Oe 60,

worin alſo als Radical die Atomgruppe C. H.O. fungirt. Bei einer Reihe von minder heftigen Reactionen bleibt dieſe Atomgruppe intact und für derartige chemiſche Wechſelwirkungen kann demnach vorſtehende Schreibweiſe recht wohl genügen. Heftigeren Einwirkungen vermag aber dieſer Atomcomplex nicht Stand zu halten; er zerfällt dann in einfachere Radicale. Es iſt dies der Fall, wenn z. B. Eſſigſäure mit überſchüſſigem Kalk erhitzt wird; die Reaction des letzteren auf erſtere, reſp. das darin enthaltene erwähnte Radical kann dahin interpretirt werden, daß dasſelbe in die zwei einfacheren Radicale Methyl C.H, und Carbonyl C.O zerfällt, an welche ſich dann andere