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Wenn mehrere Atome zu einem Molecül, ſei es eines Elementes oder einer Verbindung, zu einander getreten ſind, ſo iſt bezüglich der durch die chemiſche Affinität bewirkten Verkettung derſelben wohl folgende Vorſtellung der Chemiker erlaubt. Mögen die Atome innerhalb des Molecüls dicht bis zur Berührung oder unter einem gewiſſen Abſtande an einander gelagert ſein, immer wird ſich ein Punkt des einen Atoms als der nächſte zu einem Punkte des andern Atoms anſehen laſſen. Weil ſich nun beide Atome in dieſen Punkten entweder berühren oder im andern Falle doch dieſe Punkte den geringſten Abſtand beſitzen, ſo können ſie als der Sitz der chemiſchen Anziehung bezeichnet werden. Man nennt ſie die Affinitätspunkte. Nähern ſich zwei Atome mit je einem Affinitäts⸗ punkte einander, ſo werden ſie ſich mit denſelben einander zukehren und dadurch ſich zu einem Molecül vereinigen. Hier waren beide Atome einwerthig; durch die Aneinanderlagerung iſt ihre atombindende Kraft erſchöpft. Trifft dagegen ein Atom mit zwei Affinitätspunkten mit ſolch einwerthigen Atomen zuſammen, ſo können ſich daran zwei der letzteren mit ihren Affinitätspunkten anheften und in dieſem Falle iſt die Affinität des erſten geſättigt; das Molecül wäre ungeſättigt, wenn ſich nur ein einwerthiges Atom anheften würde, indem ja dann noch ein offener Affinitätspunkt vorhanden wäre. Ebenſo würde eine geſättigte Verbindung entſtehen, wenn ſich an das zwei⸗ werthige Atom ein anderes mit ebenſoviel Affinitätspunkten oder Verwandtſchaftseinheiten anlagern würde. Man ſchreibt in gleicher Weiſe den Atomen der dreiwerthigen Elemente drei Affinitätspunkte zu u. ſ. w. Eine Verbindung heißt geſättigt, wenn innerhalb eines Molecüls derſelben die Atome von ſolcher Anzahl und ſo gelagert ſind, daß kein offener Affinitätspunkt übrig bleibt; im andern Falle iſt die Verbindung ungeſättigt. Nach Einſchaltung dieſer Bemerkung kann der Faden der Auseinanderſetzung wieder aufgenommen werden.
In ſeiner berühmten Abhandlung zu Anfang des Jahres 1858 begründet Kekulé die ſchon einige Monate vorher von ihm behauptete Quadrivalenz des Kohlenſtoffs und reiht daran jene Gedanken, welche in der gegen⸗ wärtigen Chemie zur That geworden ſind.„Betrachtet man die einfachſten Verbindungen dieſes Elementes CH., CH, Cl, CCl., CHCl., COCI., CO0,, CS, und CNH, ſo fällt es auf, daß die Mengen Kohlenſtoff, welche die Chemiker als geringſt mögliche, als Atom erkannt haben, ſtets vier Atome eines ein⸗ oder zwei eines zweiatomigen Elementes bindet, daß allgemein die Summe der chemiſchen Einheiten der mit einem Atom Kohlenſtoff verbundenen⸗ Elemente gleich vier iſt. Dies führt zu der Anſicht, daß der Kohlenſtoff vieratomig iſt“. Nun führt er auch — und das war zur Ableitung der Werthigkeit der Radicale aus den Werthigkeiten der ſie zuſammenſetzenden. Elemente das Entſcheidende— die Idee von dem Zuſammenhange der Kohlenſtoffatome aus.„Für Subſtanzen, welche mehrere Kohlenſtoffatome enthalten, muß man annehmen, daß ein Theil der Atome wenigſtens durch die Affinität des Kohlenſtoffs gehalten werde, und daß die Kohlenſtoffatome ſelbſt ſich an einander lagern, wobei⸗ natürlich ein Theil der Affinität des einen gegen einen ebenſo großen Theil der Affinität des andern gebunden wird. Der einfachſte Fall einer ſolchen Aneinanderlagerung von zwei Kohlenſtoffatomen iſt nun der, daß eine Verwandtſchaftseinheit des einen Atoms mit einer des andern gebunden wird. Von den 2. 4 Verwandtſchafts⸗ einheiten der zwei Kohlenſtoffatome werden alſo zwei verbraucht, um die beiden Atome zuſammen zu halten; es bleiben mithin ſechs übrig, die durch Atome anderer Elemente gebunden werden können.“
Wir wollen dieſe Gedanken an einigen einfachen Beiſpielen verwerthen. In einem Molecül Kohlenoxyd ſt an ein Kohlenſtoffatom ein Sauerſtoffatom angelagert; es ſind demnach noch zwei ungebundene Affinitätspunkte vorhanden, an welche ſich ein weiteres Sauerſtoffatom oder zwei einwerthige Chloratome anheften können, um eine geſchloſſene oder geſättigte Verbindung zu erzeugen; im erſten Falle entſteht Kohlenſäure, im letzten Phosgengas. Das Kohlenoryd wird daher als zweiwerthiges Radical angeſehen und als ſolches Carbonyl genannt. Das Methyl iſt, da an je ein Kohlenſtoffatom drei Waſſerſtoffatome angeheftet ſind, ein einwerthiges Radical. Im Aethyl ſind je zwei Kohlenſtoffatome durch eine Verwandtſchaftseinheit an einander gebunden; es bleiben demnach noch ſechs übrig, von welchen fünf durch Waſſerſtoffatome geſättigt ſind, ſo daß in Folge des noch offenen Affinitätspunktes die Univalenz jenes Radicals erklärt erſcheint. Das oben bei Beſprechung der Glycole erwähnte zweiwerthige Radical Aethylen(C.lI.)“ hat nach dieſer Auffaſſung noch zwei ungeſättigte Affinitätspunkte. Im Radical der Eſſigſäure, dem Acetyl ſind von den ſechs noch freien Verwandtſchaftseinheiten der zwei Kohlenſtoffatome drei durch H. und zwei durch das zweiwerthige O geſättigt, ſo daß das Radical ſelbſt einwerthig iſt. Die Dreiwerthigkeit des⸗


