Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
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Durch die eben geſchilderten Arbeiten ſind zwar nicht die mehratomigen Radicale zuerſt aufgeſtellt worden, denn ſchon vorher hatten Williamſon u. A. von ſolchen in ihren Formeln Gebrauch gemacht; allein dieſe Unter⸗ ſuchungen ſind deshalb von ſo großer Bedeutung, weil durch ſie die kaum befeſtigte Typentheorie eine gewiſſe Fruchtbarkeit documentirte, die bei vielen Chemikern die Hoffnung erweckte, daß dieſe Theorie auch fernerhin eine reichliche Quelle neuer Entdeckungen ſein werde, eine Hoffnung, die nicht in dem weiten Maße in Erfüllung gehen konnte, weil die Hauptbedeutung jener vorzüglich darin lag, daß ihr einfaches Claſſificationsprincip eine große Ueberſichtlichkeit der zerſtreut und zuſammenhangslos daſtehenden Erſcheinungen darbot. 7

In der obigen Darſtellung wurde ein Alkohol ein⸗ oder mehratomig genannt, je nachdem er ein oder mehrere Aequivalente einer Säure zu ſättigen vermag; zugleich wurde aber ſpäter auch bei der typiſchen Auffaſſung das in einem ſolchen Alkohol vorhandene Radical ein⸗ oder mehratomig genannt. Ebenſo hieß eine Säure ein⸗ oder mehratomig oder auch ⸗baſiſch, je nachdem ſie ein oder mehrere Aequivalente Baſis zu ſättigen vermag; dann wurde ſpäter auch das in der Säure auftretende Radical ebenſo genannt. Es iſt einleuchtend, daß ein und dasſelbe Wort für zwar verwandte, doch im Grunde genommen verſchiedene Begriffe gebraucht wurde; es iſt dies ein Uebelſtand, der inſofern Mißverſtändniſſe erwecken kann, als man hierdurch veranlaßt, die Baſicität einer Verbindung nach der Atomigkeit ihres Radicals taxiren möchte, was allgemein nicht zuläſſig iſt, z. B. bei vielen condenſirten und den Odling'ſchen combinirten oder gemiſchten Typen. Außerdem hat der Barbarismus Atomigkeit Anſtoß erregt; Hofmann hat dafür den Namen Quantivalenz oder Werthigkeit(Valenz) in Vorſchlag gebracht.

Die oben erwähnten Typen Waſſer H.0 und Ammoniak H. N erklärte man ſchon 1855 als aus den condenſirten Waſſerſtofftypen H.H. und H. H entſtanden, worin in erſterem H. durch ein Atom des ſchon 1854 von Kekulé bei Gelegenheit ſeiner Entdeckung der Thiacetſäure als mit 2 Atomen Chlor oder Waſſerſtoff äquivalent erkannten Sauerſtoffs oder Schwefels und in letzterem H, durch den von Würtz als dreiatomig oder dreiwerthig erklärten Stickſtoff oder Phosphor erſetzt iſt. Bezeichnet man nach Odling die Valenz dieſer Elemente durch über das Symbol derſelben geſetzte Striche oder römiſche Ziffern, ſo können wir die aus den 3 urſprünglichen

Waſſerſtofftypen HH H.AH. H.IH. abgeleiteten Haupt⸗ und Nebentypen in folgender Weiſe ſchreiben HH H.O H.N HCl H.S HaP

Da nun aber alle Molecüle im Gaszuſtande denſelben Raum einnehmen, ſo iſt der Schluß wohl klar, daß im zweiten der Waſſerſtoff nur das halbe und im dritten nur das drittel Volumen einnimmt als im erſten Molecül, daß daher der Waſſerſtoff oder äquivalente Elemente in einem auf das Doppelte oder Dreifache condenſirten Zuſtande ſich darin befinden. Man hat ſich verhältnißmäßig lange Zeit geſcheut, noch ſtärker condenſirte Zuſtände der Materie anzunehmen, insbeſondere durch die Aufſtellung des Typus CH die Vierwerthigkeit des Kohlenſtoffs anzuerkennen. Demjenigen, der die Valenz des Kohlenſtoffs feſtſtellen wollte, fiel auch die ſchwere Aufgabe zu, eine ſichere Erklärung abzugeben darüber, woher es komme, daß irgend ein Radical gerade jene beſtimmte Valenz habe. Denn da die Valenz des Sauerſtoffs und Schwefels, des Stickſtoffs und Phosphors ohne weitere Debatte feſtgeſtellt war, ſo mußte ſich nach Feſtſtellung derjenigen des Kohlenſtoffs aus den Werthigkeiten der das Radical bildenden Elemente auch die des letzteren einfach ableiten laſſen. Die Kreiſe zogen ſich immer enger, nachdem u. A. vorzüglich durch Frankland, Wanklyn, Löwig die Valenz der Metalle durch die Darſtellung der ſog. Organo⸗ metalle gefunden und für die meiſten außer Zweifel geſetzt war. Die folgenſchwere Entſcheidung bezüglich des Kohlenſtoffs traf der Scharfſinn Kekulé's(1858); die Conſequenzen davon und deren Wirkung waren von größter Tragweite; dem allgemeinen Aufſehen folgte bei der Mehrzahl unbedingte Anerkennung und begeiſtertes Schaffen auf dem vorgezeigten Wege, bei der Minderzahl ein ſteptiſches Zuwarten, dem jedoch wie aller Skepſis in menſchlichen Dingen nur die Zukunft angehört, Nahrung gewährt und vielleicht Recht gibt.

Qbwohl nun gerade dieſe Periode der Chemie ihren Abſchluß noch nicht erreicht hat, vielmehr gegenwärtig noch in der geſegnetſten Erndte begriffen iſt, ſo glaube ich doch des Zuſammenhangs halber ſie hier kurz zur Dar⸗ ſtellung bringen zu müſſen.

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