Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
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§. 9. Die Valenz.

Die naturgemäß ſich zunächſt entgegenſtellenden Fragen bezogen ſich darauf, zu unterſuchen, in welchen Verhältniſſen Elemente und Radicale den Waſſerſtoff in den Haupt⸗ oder Nebentypen erſetzen können. Unter dem Aequivalent eines Elements oder Radicals verſtand man jetzt nicht mehr jene mit dem Atomgewicht zu ver⸗ wechſelnde Größe, ſondern man mußte unterſcheiden zwiſchen molecülbildendem und atombindendem Aequivalent und erſteres als mit dem Atomgewichte identiſch anſehen und unter letzterem jene Gewichtsmenge verſtehen, welche für 1 Atom Waſſerſtoff ſubſtituirt werden kann, d. h. mit dieſem gleichwerthig iſt. Die hierauf bezüglichen Unterſuchungen bereicherten die Wiſſenſchaft um den Begriff der Baſicität, der Atomigkeit, der Quantivalenz. Die Heranbildung desſelben iſt, wie es in der Geſchichte der Wiſſenſchaften ſo häufig vorkommt, wieder ein Beiſpiel dafür, daß einfache Geſetze nicht immer an den von ihnen beherrſchten einfachſten Erſcheinungen zu Tage traten, ſondern oft aus complicirteren Beziehungen erſt herausgeſchält werden müſſen.Es iſt merkwürdig, faſt unbegreiflich, daß Berzelius, der die Sättigungscapacität der Säuren und Baſen immer ſtark betonte, der Sättigungscapacität der Elemente keine Beachtung geſchenkt hat. Der Begriff der Atomigkeit hat ſich, wie Würtz ſagt, in drei Tagemärſchen in die Wiſſenſchaft eingeführt. Zuerſt hat man die mehratomigen Verbindungen entdeckt. Darauf hat man dieſe Mehratomigkeit zu dem Sättigungszuſtand ihrer Radicale in Beziehung geſetzt. Endlich iſt der Begriff der Sättigung auf die Elemente ſelbſt ausgedehnt worden, den man zuerſt auf die Radicale angewendet hatte und aus dem ſich ihre Atomigkeit ableitet.

Wie ſchon oben dargethan wurde, iſt der gewöhnliche Alkohol als Waſſer anzuſehen, in welchem ein Atom typiſcher Waſſerſtoff durch das Radical Aethyl erſetzt iſt. Dieſes Radical iſt daher mit dem Waſſerſtoff äquivalent. Das im Alkohol noch vorhandene andere Atom typiſchen Waſſerſtoffs kann erſetzt werden durch ein dem Waſſerſtoff ebenfalls gleichwerthiges Radical; iſt dieſes z. B. das Radical der Eſſigſäure Ce H.O, ſo entſteht ein neutraler Aether, der Eſſigäther. Radicale, welche ſich mit einem Atom Waſſerſtoff äquivalent zeigten, nannte man zum Unterſchied von ſpäter unterſuchten, welche dieſe Eigenſchaften nicht beſaßen, einatomig.

Die Unterſuchung der Fette, insbeſondere der in denſelben vorhandenen Baſis, des Glycerins, durch Ber⸗ thelot(1854) lehrte, daß das Glycerin ſich in drei Verhältniſſen mit Säuren verbinden könne, daß ſo wie die gewöhnliche Phosphorſäure dreibaſiſch dasſelbe dreiſäurig ſei, daß ſomit das Glycerin ſich ebenſo zum Alkohol verhalte, wie die Phosphorſäure zur Salpeterſäure. Durch Gedanken geleitet, wie ſie die Typentheorie ſofort ein⸗ geben mußte, erklärte Würtz, indem er von den ſchon durch Gerhardt aufgeſtellten ſog. condenſirten Typen Gebrauch machte, das Glycerin für einen dreiatomigen Alkohol, deſſen Radical, das Glyceryl CaH., in dem dreifachen Waſſermolecül B. 1 0⸗ die 3 Atome Waſſerſtoff erſetzt und deſſen typiſche Formel demnach 9n. 0.,

in welcher von den 3 Atomen noch unerſetzten thpiſchen Waſſerſtoffs ein Atom, zwei oder 3 Atome durch äquivalente Säureradicale vertreten werden können. Nachdem hierdurch zu den einatomigen Alkoholen auch die Exiſtenz der dreiatomigen ſicher geſtellt war, machte es ſich Würtz zur Aufgabe, die von jenen beiden ſicherlich eingeſchloſſenen zweiatomigen Alkohole aufzufinden. Zunächſt ſuchte er ſich zu dieſem Zwecke Rechenſchaft zu geben über die Form des Radicals. Er ſchließt, wenn das einatomige Radical Propyl CaH. durch Verluſt von zwei Atomen Waſſerſtoff in das dreiatomige Radical Glyceryl CaH, übergeht, ſo muß den zweiatomigen Alkoholen ein Radical von der Form CaHa oder deſſen Homologen z. B. CefH, entſprechen. Von dieſen waren Chlorüre, Jodüre ꝛc. bekannt,

Verbindungen vom condenſirten Typus I. 3 es handelte ſich nur, ſie in Verbindungen vom Typus f. 0.

überzuführen. Die vielfachen Bemühungen wurden durch die glänzende und in theoretiſcher Beziehung höchſt be⸗ deutungsvolle Darſtellung der von Würtz Glycole genannten zweiatomigen Alkohole belohnt(1856). Die Auf⸗ faſſung der in den Glycolen auftretenden Radicale als zweiatomige, die übrigens nicht Würtz allein angehört, da ſie ſchon kurz vorher von Buff ausgeſprochen wurde, gab Hofmann Veranlaſſung, auch den condenſirten Typus Ammoniak für eine Reihe von organiſchen Baſen aufzuſtellen, in welchen analog mit den Aminen des Aethyls mehratomige Radicale ſtatt des Waſſerſtoffs ſubſtituirt ſind.