Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
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die Atome der Säuren und Baſen nicht immer äquivalent ſind, bei einigen ſogar dies Verhältniß ein wechſelndes iſt. Dies iſt die Grundlage der Liebig'ſchen Theorie der mehrbaſiſchen Säuren. Eine Säure heißt z. B. zweibaſiſch, wenn ſie 2 Atome Waſſer enthält, welche durch 2 Atome Baſis erſetzt werden können. Hierdurch war Liebig die Möglichkeit gegeben, die Davy⸗Dulong'ſche Hypotheſe der Waſſerſtoffſäuren in feſter Begründung wieder in die Wiſſenſchaft einzuführen. Er ſagt:Um eine Erſcheinung zu erklären, bedienen wir uns zweierlei Formen: wir ſind gezwungen, dem Waſſer die mannigfaltigſten Eigenſchaften beizulegen; wir haben baſiſches Waſſer, Hal⸗ hydratwaſſer, Kryſtallwaſſer; wir ſehen es Verbindungen eingehen, wo es aufhört, eine von dieſen 3 Formen anzunehmen, und dies Alles aus keinem anderen Grunde, als weil wir eine Schranke zwiſchen Haloidſalzen und Sauerſtoffſalzen gezogen haben, eine Schranke, die wir in den Verbindungen ſelbſt nicht bemerken, ſie haben in allen ihren Beziehungen einerlei Eigenſchaften. Er erklärt weiter:Säuren ſind gewiſſe Waſſerſtoffverbindungen, in denen der Waſſerſtoff vertreten werden kann durch Metalle. Die Sättigungscapacität einer Säure iſt abhängig von ihrem Waſſerſtoffgehalt.

Dieſe Lehren ſind die heutigen. Die Säuren ſind Waſſerſtoffſalze, die Salze ſind Metallſalze. Es läßt ſich leicht begreifen, daß die Vertheidiger der Subſtitutionstheorie, vorzüglich Gerhardt, dieſelben als weſentliche Stützen ihrer Ideen der unitaren Auffaſſung der Verbindungen aufgriffen und ihnen nach und nach feſtere Formen verliehen.

Lange bevor durch Graham der Begriff der mehrbaſiſchen Säuren begründet wurde, hatte man analoge Er⸗ ſcheinungen bei Baſen, z. B. Kali, Kalk im Gegenſatze zu Thonerde, Eiſenoxyd u. A. gekannt und genau erforſcht und hatte ſo den Begriff der mehrſäurigen Baſen ohne nach den Grahamſchen Unterſuchungen an die enge Beziehung beider Begriffe gedacht zu haben. Zwanzig Jahre hindurch blieben ſie iſolirt undihre Verkettung wurde erſt durch neue Unterſuchungen aufgeklärt.

§ 8. Die Typentheorie.

Einen ſehr bedeutenden Antheil an der ſiegreichen Durchführung der Subſtitutionstheorie, an deren Ver⸗ ſchmelzung mit der Radicaltheorie und überhaupt an der ſchärferen Begründung der neueren Anſchauungen hat die Entdeckung der dem Ammoniak entſprechenden Baſen, der ſog. zuſammengeſetzten Ammoniake oder Amine durch Würtz(1849) und darauf durch Hofmann und endlich der zuſammengeſetzten Aether durch Williamſon (1850 ff.) Dem Scharfſinne der genannten Chemiker verdankte die Chemie für viele Fragen die glückliche Situa⸗ tion, daß den ahnenden Gedanken das Experiment auf der Ferſe folgen konnte; durch ihre Entdeckungen erhielt die Avogadro'ſche Hypotheſe eine feſtere Unterlage, ihre Methode war nach verſchiedenen Richtungen hin von größter Fruchtbarkeit.

Nach den Anſchauungen, die damals gang und gäbe waren, glaubte Williamſon durch Einwickung gewiſſer Verbindungen aufeinander eine Syntheſe von Alkoholen ausführen zu können; allein ſtatt des erwarteten Alkohols erhielt er Aether. Die Bedeutung und die Tragweite ſeiner Verſuche ſofort erkennend. deutete er dieſelben unter Zugrundelegung von Ideen, die ſchon früher Laurent(1846) ausgeſprochen und ſtellte die Richtigkeit dieſer Erklärung durch eine Reihe glänzender Experimentalunterſuchungen feſt, die zwingend darauf hinwieſen, die Alkohole und Aether der organiſchen Chemie, ſowie die Säuren und Salze(Oxyſäuren und ⸗ſalze) der unorganiſchen Chemie mit dem Waſſer zu vergleichen. Zunächſt ließ er auf Kaliumäthylat Jodäthyl einwirken und erhielt Jodkalium und wie ſchon bemerkt Aether. In der damals vorwiegend geltenden Schreibweiſe läßt ſich die Metamorphoſe alſo dar⸗ ſtellen: C. H.O. K0+ C. H.. J= 2(C H.O0)+ K J.(C= 6)

Hätte Williamſon Jodmethyl ſtatt Jodäthyl angewendet, ſo würde nach dieſer Auffaſſungsweiſe entſtanden ſein: C.H,O. K0+ C. H.J= G.H.0+ C.Hl.0+ K J Jodmethyl Aethyläther Methyläther Jodkalium Statt des Gemenges von Aethyl⸗ und Methyläther erhält er aber einen zuſammengeſetzten Aether, den Methyläthyl⸗ äther, und er drückte die Metamorphoſe in folgender Gleichung aus:

Ce,O+ CI.=(CI. O 4 F(= 12; 0= 16) Methyläthyläther