Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
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12 beſtehend zu betrachten ſei, und dadurch nicht allein die Lavoiſier'ſche Säuretheorie, wenn nicht beſeitigt, ſo doch in der damaligen Zeit ihrer Allgemeingültigkeit beraubt, ſondern auch zuerſt eine Thatſache feſtgeſtellt, die Anfangs als Ausnahme der herrſchenden Theorie angeſehen wurde und ſpäter den Anfang einer neuen Anſchauung bildete. Obwohl Berzelius ſich alle erdenkliche Mühe gab, die Chemiker von der Davy'ſchen Annahme abzuhalten und darauf hinwies, daß man dann ja auch einen Unterſchied in den Salzen machen müſſe, ſo kam er doch zu keinem Ziele und bekehrte ſich ſchließlich ſelbſt, als noch einige andere des Sauerſtoffs baare Säuren entdeckt wurden, ſo die Jodwaſſer⸗ ſtoffſäure und die Blauſäure. Es wurde damit gewiſſermaßen eine zweite Erbſchaft der philoſophirenden Natur⸗ forſcher des Alterthums geſtürzt. Die Art der Erklärung von Naturerſcheinungen beſtand von Ariſtoteles bis in die neue Zeit darin,dem, was man in der Wirkung ſah, ein Wort unterzulegen, und dieſes Wort nannte man die Urſache jener Wirkung. Die Brennbarkeit der Körper beruhte auf einem Gehalte an Feuerſtoff(Phlogiſton), die kauſtiſchen Eigenſchaften des gebrannten Kalkes rührten von einem Dinge Kauſticum her, der ſaure Geſchmack der Säuren beruhte auf einem Gehalt an Acidum univerſale. Wenn nun auch Lavoiſier die Phlogiſtontheorie beſeitigte, und gewiß nicht mehr an das Acidum univerſale glaubte, ſo ſtand er doch unter dem Drucke dieſer früheren Ideen, wenn er dem Sauerſtoff jene Rolle zuwies, die ſich in ſeinen Benennungen S. oder Oxygenium angedeutet findet.

Der Davy'ſche Gedanke wurde alsbald von Dulong(1815) aufgegriffen und kräftigſt unterſtützt. Beide Naturforſcher ſtellten hier zum erſten Male die wichtige Anſicht auf, daß in einem Salze nicht ein Metalloxyd, ſon⸗ dern das Metall als ſolches vorkommt, und daß das bei der Entſtehung der Salze frei werdende Waſſer nicht ſchon vorher in der Säure enthalten ſei; ferner erklärt Dulong alle Säuren als Verbindungen von Waſſerſtoff einerſeits⸗ und einem Element oder zuſammengeſetzten Körper andrerſeits. Wenn nun auch die damals ſtimmführenden Chemiker die Exiſtenz einiger Waſſerſtoffſäuren nicht läugnen konnten, ſo wieſen ſie doch mit Entſchiedenheit jene Davy'ſchen und Dulong'ſchen Conſequenzen zurück, und Berzelius trennte aufs ſtrengſte die Waſſerſtoffſäuren von den Sauerſtoffſäuren und in Folge davon die ſog. Haloid⸗ von den Amphidſalzen. Die herrſchende elektrochemiſche Theorie ließ die Davy⸗Dulong'ſche Hypotheſe nicht zur Geltung kommen, obgleich gerade die Elektrochemie auf dieſe Auffaſſung der Säuren und Salze hätte führen müſſen, wenn man ſich nicht in vorgefaßter Meinung befunden hätte. Der elektriſche Strom zerlegt jedes Salz in Metall, das ſich am negativen Pole, und in Chlor oder dergl. Elemente oder in Atomgruppen, die ſich am poſitiven Pole ausſcheiden. Daß ſich in manchen Fällen, die gerade Berzelius als Stütze ſeiner Theorie gebraucht, ſtatt des Metalls das Oxyd am negativen Pole abſcheidet, iſt, wie wir heute wiſſen, eine ſecundäre Wirkung von Urſachen, die nöthigenfalls leicht zu vermeiden ſind, und die jeder heute ſofort erkennt, wenn er mit den Eigenſchaften der betreffenden Metalle bekannt iſt. Aber etwa 20 Jahre ſpäter erwuchs dieſer Anſchauung eine kräftige Stütze durch die Aufſtellung der Theorie der mehrbaſiſchen Säuren. Von ihrer Entſtehung wird geſagt, daßgleich elegant und beſtimmt Verſuch und Idee ſind, welche der experimentellen Wiſſenſchaft dies weite Feld der Forſchung öffneten und der Theorie neue und ſichere Anhalts⸗ punkte boten und daß ſie durchdrangtrotz des Widerſpruchs einer Autorität, deren Worte, ſonſt mit ängſtlicher Gewiſſenhaftigkeit befolgt, hier im Winde verhallten.

Vor dem Jahre 1833 kannte man verſchiedene Merkmale, durch welche ſich auf verſchiedenen Wegen erhaltene, phosphorſaure Salze eines und desſelben Metalls unterſcheiden; ſie zeigten z. B. gegen Silberſalze andere Reactionen und enthielten ſelbſt andere Waſſermengen. Man hielt letzteres ohne genauere Unterſuchung für Kryſtallwaſſer und betrachtete dieſe verſchiedenen Phosphorſäuren als iſomere Verbindungen, d. h. man ſchrieb ihnen gleiche Zuſam⸗ menſetzung und verſchiedene Eigenſchaften zu. In jenem Jahre publicirte Graham ſeine berühmte Abhandlung über die Phosphorſäure, in welcher er zunächſt zeigt, daß das Waſſer, welches in den Säurehydraten enthalten war, die Rolle der Baſis übernehme, daß 3 verſchiedene und durchaus nicht iſomere Phosphorſäuren exiſtiren, deren Unterſchied darin beſtehe, daß die gewöhnliche 3 Aequivalente baſiſches Waſſer enthalte, die Pyrophosphorſäure da⸗ gegen nur 2 und die Metaphosphorſäure 1 Aequivalent; endlich legt er noch dar, wie dieſe Phosphorſäuren in einander übergeführt werden können. Fünf Jahre ſpäter verallgemeinerte Liebig dieſe Graham'ſchen Reſultate⸗ auf Grund zahlreicher ausgezeichneter Unterſuchungen, woraus ſich ergab, daß in den Säuren eine gewiſſe Anzahl Waſſeratome enthalten iſt, durch deren Vertretung die Salze entſtehen, und daß