Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
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Atom eine gewiſſe Menge freier Elektricität zur Wirkſamkeit nach außen übrig bleibt. Dieſe elektriſche Differenz. beeinflußt den Grad der chemiſchen Anziehung und iſt für einen Theil der Elemente poſitiv, für den andern negativ, je nachdem die eine oder die andere Clektricität an einem der Pole überwiegt. Elemente von entgegengeſetzten freien Elektricitäten beſitzen chemiſche Affinität, auf deren Stärke nicht allein die Differenz, ſondern auch die abſolute Menge der an den Polen vorhandenen Elektricitäten eine weſentliche Einwirkung hat. Der Sauerſtoff iſt abſolut elektronegativ; mit ihm beginnt die ſog. Spannungsreihe auf der negativen Seite. Die Verbindungen zweier Ele⸗ mente entſtehen durch Aneinanderlagerung der Atome mit ihren entgegengeſetzten Polen, wobei die freien Elektrici⸗ täten ſich gegenſeitig binden. Wird eine Verbindung dem elektriſchen Strome ausgeſetzt, ſo ertheilt dieſer den Ato⸗ men wieder die urſprüngliche Polarität, wodurch die Verbindung gelöſt wird. Eine Verbindung erſter Ordnung iſt jedoch immer noch elektriſch, da nur je ein Pol neutraliſirt iſt und demnach bezüglich der beiden andern noch eine gewiſſe elektriſche Differenz vorhanden iſt. Hieraus erklärt ſich die Affinität z. B. der Säuren und Baſen und die Theorie wird dadurch die Grundlage der dualiſtiſchen Anſchauungsweiſe, die Berzelius folgendermaßen begründet: Sind die elektrochemiſchen Anſichten richtig, ſo folgt daraus, daß jede chemiſche Verbindung einzig und allein von 2 entgegengeſetzten Kräften, der poſitiven und negativen Elektricität, abhängt und daß alſo jede Verbindung aus 2 durch die Wirkung ihrer elektrochemiſchen Reaction vereinten Theilen zuſammengeſetzt ſein muß, da es keine dritte Kraft gibt. Hieraus folgt, daß jeder zuſammengeſetzte Körper, welches auch die Anzahl ſeiner Beſtandtheile ſein mag, in zwei Theile getrennt werden kann, worin der eine poſitiv, der andere negativ elektriſch iſt. So z. B. iſt das ſchwefelſaure Natron nicht aus Schwefel, Sauerſtoff und Natrium zuſammengeſetzt, ſondern aus Schwefel⸗ ſäure und Natron, die wieder in einen poſitiven und negativen Beſtandtheil getrennt werden können. Ebenſo kann auch der Alaun nicht als unmittelbar aus ſeinen Elementen zuſammengeſetzt betrachtet werden, ſondern er iſt als das Product der Reaction zwiſchen ſchwefelſaurer Thonerde als negatives Element auf das ſchwefelſaure Kali als poſitives Element anzuſehen, und ſo rechtfertigt die elektrochemiſche Theorie das, was ich über die zuſammengeſetzten Atome erſter, zweiter, dritter Ordnung geſagt habe. Dieſer Dualismus beherrſchte zunächſt völlig die Mineralchemie und, was die allgemeine Annahme desſelben weſentlich erleichterte, Berzelius paßte die von den franzöſiſchen Chemikern ererbte chemiſche Nomenclatur demſelben durchaus an. Jetzt galt es auch, dieſer Theorie Eingang in die organiſche Chemie zu verſchaffen; bei dieſem Streben, das Berzelius als ſeine Lebensaufgabe anſah, ſollte ſie jedoch unterliegen.

§. 6. Bie Kadicale.

In der organiſchen Natur kannte man Körper, die ſich wie Säuren verhielten, andere, die neutral waren, und endlich ſolche, die eine baſiſche Natur beſaßen, alſo die Fähigkeit hatten, mit den Säuren Salze zu bilden. Um den Dualismus hier durchführen zu können, nahm Berzelius, wie ſchon vorher Lavoiſier bei den organiſchen Säuren es gethan, in den Säuren und Baſen zuſammengeſetzte Körper an, die durch ihre Verbindung mit Sauerſtoff eben jene Säuren oder Baſen liefern. Dieſe zuſammengeſetzten Körper, die ganz mit der Rolle eines Elements betraut wurden, nannte man Radicale, deren Aufſtellung als eine für die raſche Entwicklung der organiſchen Chemie ſehr erſprießliche Idee angeſehen werden muß. Die Ameiſenſäure, die Eſſigſäure wurden als Verbindungen von Radicalen mit Sauerſtoff betrachtet, ebenſo ſprach man von Aethyloxyd als einer Baſis, von eſſigſaurem Aethyloxyd als einem Salze. Zu ſeiner Freude ſah Berzelius die Gegner der Radicaltheorie immer mehr durch Unterſuchungen von Liebig und Wöhler u. A. Boden verlieren, am meiſten wohl durch die berühmte Darſtellung eines Radicals ſelbſt, des Kakodyls, ſammt ſeiner Verbindungen(Bunſen), wie ſchon vorher des Cyans(Gay⸗Luſſac). Allein es erwuchſen ihm, zum Theil aus dieſem Kreiſe, auch ſeine gewaltigen Gegner. Zunächſt kam die Radicaltheorie in eine ganz andere Bahn durch jene epochemachende, glänzende Arbeit von Liebig und Wöhler(1832) über das Bittermandelöl und ſeine Derivate, worin dieſe auf das überzeugendſte die Gegenwart eines Radicals und zwar eines ſauerſtoffhaltigen, des Benzoyls, nachwieſen, wodurch die von Lavoiſier aufgeſtellte und von Berzelius vertheidigte Definition des Radicals als eines ſauerſtofffreien Atomcomplexes geſtürzt wurde. Im weiteren Verlauf der Entwicklung der Radicaltheorie erklärte man mit Liebig einen Körper dann für ein Radical, wenn er 1) der