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NHa+ Cl H= NH. CI 1 Mol. Ammoniak 1 Mol. Salzſaure 1 Mol. Chlorammonium.
In der Mehrzahl der Fälle werden ſie als Subſtitutionen angeſehen, ein Begriff, den wir uns vorerſt an einfachen Beiſpielen deutlich machen können. Bringt man ein Molecül Waſſerſtoff H H mit einem Molecül Chlor CI Cl in Berührung, ſo reicht bekanntlich ein Sonnenſtrahl hin, die Metamorphoſe auszuführen; es reſultiren zwei Molecüle Salzſäure Cl H, Cl H. In Form einer Gleichung ausgedrückt
HH+X CIl Cl= GH+ GHI. Wie man ſieht, tauſchten je ein Atom H und ein Atom Cl ihre Plätze innerhalb der Molecüle. Bringt man ein Stückchen Natriummetall in Waſſer, ſo entſteht unter geeigneten Bedingungen neben ſich entwickelndem Waſſerſtoff ein ſtarrer Körper, das Hydrat des Natriumoxyds. H.O+ H.0+ Na Na= Na H0+ Na HO+ HH
Das Weſen der Subſtitution beſteht alſo in dem Austreten eines oder mehrerer Atome aus einem Molecüle unter gleichzeitigem Eintritte einer entſprechenden Anzahl von Atomen aus einem andern Molecül. Obſchon der Begriff Aequivalent, den Wollaſton 1814 in die Wiſſenſchaft einführte, den der Subſtitution involvirt und daher derſelbe ſchon damals wenn auch im Keime exiſtirte und noch deutlicher etwas ſpäter Mitſcherlich vorſchwebte, als er das Geſetz des Iſomorphismus ſtudirte, ſo wurde er doch erſt ſchärfer von Laurent 1835 ausgeſprochen. Seine allmähliche Heranbildung iſt ſo innig mit der ganzen Entwicklung der Chemie in den letzten 30 Jahren verflochten, war ein ſo weſentliches Streitobjekt in den Kämpfen, welche insbeſondere von den drei damals hervorragendſten Vertretern der Wiſſenſchaft, Berzelius, Liebig und Dumas ausgefochten wurde, daß die Darſtellung nur in einem ausführlichen Geſammtbilde möglich iſt. Durch die Aufſtellung der Subſtitution war zunächſt Berzelius engagirt. Sein ganzes Syſtem, unter welchem beſonders die anorganiſche Chemie bis faſt vor zehn Jahren ſo ruhige Tage verlebte, war, falls dieſelbe ſich als richtig erwies, dem Untergange geweiht.
§ 5. Hualismus.
Das Berzelius'ſche Syſtem beſtand zunächſt in der ſchon von Lavoiſier angebahnten dualiſtiſchen Auffaſſungs⸗ weiſe der chemiſchen Verbindungen und dann in der elektrochemiſchen Theorie. Der erſte Urheber dieſer Theorie war Humphry Davy. Zehn Jahre nach dem erſten Bekanntwerden der Galvan i'ſchen Entdeckung und kurze Zeit ſpäter, als Volta ſeine Säule conſtruirt hatte, machte dieſer große Chemiker durch eine Reihe glänzender, in man⸗ nigfaltiger Hinſicht mit den epochemachenden Arbeiten Lavoiſiers vergleichbarer, durch ihre Erfolge ſo bedeutender Unterſuchungen ſeinen Namen in der Geſchichte unvergeßlich. Ihm folgte bald Berzelius in gleichartigen Forſchungen nach;„die Entdeckung der Alkalimetalle durch Davy iſt das glänzende experimentelle Reſultat, eine neue Anſicht über die Affinität das theoretiſche Ergebniß,“ zu dem beide genialen Männer durch jene geführt wurden. Davy erklärte ſchon die Affinität als herrührend von der elektriſchen Anziehung, welche poſitiv und negativ elektriſche Körper gegen einander äußern. Die ſofortige Herbeiziehung der Elektricität zur Erklärung chemiſcher Erſcheinungen iſt leicht erklär⸗ lich, einmal durch den ſofort in die Augen fallenden engen Zuſammenhang der elektriſchen mit den chemiſchen Er⸗ ſcheinungen, andererſeits durch die völlige Occupation aller denkenden Köpfe durch die überraſchenden und vielfältigen Wirkungen der neu entdeckten Naturkraft. Sie mußte daher zur Erklärung mancher bis dahin noch unaufgedeckter Erſcheinungen herhalten, ſo daß zeitgenöſſiſche Spötter Gelegenheit erhielten, jene Traveſtie zu liefern:„Was man nicht decliniren kann, das ſieht man als elektriſch an.“
Die Davy'ſche elektrochemiſche Theorie erhielt einen bedeutenden Stoß durch die Ritter'ſchen Entdeckungen, welche darauf führten, daß nicht allein die Elektricität Urſache chemiſcher Zerſetzungen ſei, ſondern auch umgekehrt chemiſche Zerſetzungen eine wichtige Elektricitätsquelle bilden, eine Thatſache, die erſt ſpäter durch das Princip von der Erhaltung der Kraft ihren allgemeineren Ausdruck erhielt. Trotzdem gelang es ſehr bald der hohen Autorität und dem großen Scharfſinne des berühmten ſchwediſchen Chemikers der elektrochemiſchen Theorie in umgeſtalteter Form einen bedeutenden Erfolg zu ſichern. Das Weſen der Berzelius'ſchen Theorie beſteht darin, daß ſie in jedem Atom 2 Pole, die mit ungleichen und ungleichnamigen Elektricitätsmengen beladen ſind, annimmt, ſo daß in jedem
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