Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
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Der andere Weg ergibt ſich aus dem im Jahre 1820 von Mitſcherlich entdeckten Geſetze des Jſomor⸗ phismus. Der genannte berühmte Chemiker zeigte durch eine große Reihe von Beobachtungen, daß viele chemiſch ähnlich zuſammengeſetzte Körper gleiche Kryſtallgeſtalt beſitzen, und daß ſie ſich in dieſer Kryſtallform gegenſeitig vertreten können. Dieſen iſomorphen Körpern ſchenkte man große Aufmerkſamkeit und ganz beſonders benützte Berzelius dieſelben, um Aufſchluß über die atomiſtiſche Structur dieſer Körper zu erlangen. Da nun nach dem Mitſcherlich'ſchen Geſetze die in iſomorphen Verbindungen ſich vertretenden Gewichtsmengen der Elemente in einem Verhältniſſe zu einander ſtehen, welches dem der Atomgewichte gleich iſt, ſo iſt hiernach aus der ermittelten procen⸗ tiſchen Zuſammenſetzung die Beſtimmung der Atomgewichte möglich.

Es verdient hier noch erwähnt zu werden, daß neuerdings Verſuche gemacht wurden, die Beziehungen zwiſchen den Atomgewichten und der Geſammtheit der Eigenſchaften der chemiſchen Elemente nach ihrer Größe zu ermitteln. So verſuchte insbeſondere Baumhauer aus dieſen Beziehungen einen durch einen mathematiſchen Ausdruck dar⸗ ſtellbaren Zuſammenhang abzuleiten.

§. 4. Affinität.

Es iſt ſchon oben angedeutet worden, daß auch bis heute noch das Weſen der chemiſchen Affinität oder Ver⸗ wandtſchaft recht vieles Unklare an ſich trägt. Während früher Affinität jene Kraft bezeichnete, welche die Atome verſchiedener Körper zuſammenhält, erklärt man ſie heute als die Kraft, welche die Atome derſelben oder verſchiedener Körper zu Molecülen vereinigt.Die heutige Chemie iſt mit den Vorarbeiten zur Löſung des Problems, die chemiſchen Affinitätskräfte unter Berückſichtigung aller Factoren quantitativ zu beſtimmen, vollauf beſchäftigt. Dieſe Beſtimmungen können natürlich vorerſt nur relative ſein, da die für die Urſache der chemiſchen Verbindungen gebrauchten Ausdrücke Affinität oder Verwandtſchaft bloße Wörter ſind, die einen noch unbekannten Begriff decken ſollen. Es ſind zwar Hypotheſen aufgeſtellt worden, die chemiſche Affinität z. B. auf eine mechaniſche Attraction der Atome zu gründen, Anſchauungen, welche keinen allgemeinen Anklang gefunden haben. Schon mehr Aufklärung haben die oben kurz erwähnten Arbeiten über die Diſſociation bezüglich der von dem jeweiligen Wärme⸗ zuſtande abhängigen chemiſchen Verbindung und Zerſetzung geliefert. Die Affinität wird nicht ohne Wärmeentwick⸗ lung aufgehoben und nicht ohne Wärmeabſorption wieder hergeſtellt. Die erſte wiſſenſchaftliche Behandlung der Chemie, die phlogiſtiſche, welche in Stahl ihren wahren Urheber feiert, ſowie die ihr nachfolgende, ſie beſiegende, von Lavoiſier begründete antiphlogiſtiſche Richtung hatten etwas Wahres an ſich, beide trugen den Stempel der Unvollkommenheit oder vielmehr der Einſeitigkeit. Es iſt neuerdings mehrfach darauf aufmerkſam gemacht und ſchon vor 30 Jahren von dem genialen Begründer der mechaniſchen Wärmetheorie Mayer in Heilbronn hervor⸗ gehoben worden, daß beide ſich anſcheinend völlig ausſchließenden chemiſchen Anſchauungen erſt in ihrer Vereinigung den Thatſachen entſprechen.Die jetzigen Chemiker ſind Anhänger von Stahl und Lavoiſier, ſie wiſſen, daß durch Vereinigung eines Körpers mit Sauerſtoff das Phlogiſton ſich in Geſtalt von Wärme entwickelt, und daß bei der Reduction den Körpern nicht nur Sauerſtoff entzogen, ſondern auch chemiſche Energie als Wärme, Licht, Elektricität zugeführt werden muß. Die ſchon lange bekannte innige Wechſelbeziehung zwiſchen Affinität und Wärme iſt jetzt durch die Unterſuchung der Diſſociationserſcheinungen der Größe nach feſtgeſtellt, und es iſt demnach die gegründetſte Hoffnung vorhanden, daß durch gemeinſchaftliche Anſtrengungen der mechaniſchen Wärmetheorie und der Chemie die ſpecifiſchen Unterſchiedejener Bewegung, die wir Wärme nennen, und der Bewegung der Atome, als deren Weſen uns die Affinität erſcheint, genau ermittelt werden. Da dieſe Erkenntniß noch nicht hergeſtellt iſt und inſofern es der gegenwärtige Standpunkt der Chemie im Grunde genommen erfordert, verwirft man die früher ſo beliebten und ſo wenig ſagenden Ausdrücke einfache, doppelte, prädisponirende Wahlverwandtſchaft und ſpricht in allen dieſen Fällen nur mehr von chemiſchen Metamorphoſen, ſo daß einer der geiſtreichſten Vorkämpfer der neueren Rich⸗ tung, Kekulé in Bonn, im Eingange ſeines klaſſiſchen Werkes die Chemie als die Lehre von den ſtofflichen Me⸗ tamorphoſen der Materie erklärt, deren weſentlicher Gegenſtand nicht die exiſtirende Subſtanz, ſondern vielmehr ihre Vergangenheit und Zukunft ſei. Die Metamorphoſen ſtellen ſich in der Minderzahl der Fälle als direkte Ad⸗ dition mehrerer Molecüle zu einem einzigen reſp. als Zerfallen eines Molecüls in mehrere dar, z. B.: