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ihrer Zerſetzung verbrauchte Wärmemenge muß größer ſein, als die, welche zur Abſcheidung des Sauerſtoffs vom Stickſtoff abſorbirt wird.“
Clauſius kommt in den aus den Grundprincipien der mechaniſchen Wärmetheorie gezogenen und auf die volumetriſchen Verhältniſſe der gasförmigen Verbindungen bezogenen Folgerungen zu dem Schluſſe, daß die Mole⸗ cüle der einfachen Körper in den meiſten Fällen aus zwei, in manchen auch aus mehreren Atomen beſtehen und „daß die einzelnen Molecüle aller Gaſe in Bezug auf ihre fortſchreitende Bewegung gleiche lebendige Kraft haben“, einem Satze, der die Richtigkeit des Avogadro'ſchen Geſetzes vorausſetzt. Eingehender beſpricht und verwendet Clauſius dieſen Satz in ſeiner Abhandlung über„die Natur des Ozons“, worin er zugleich die hochgeſteigerte Affinität der Elemente in statu nascendi hieraus zum Theil allgemeiner entwickelt, als es ſchon vor ihm Lau⸗ rent gethan. Die größere Affinität rührt davon her, daß in dem Momente des Austrittes aus einer Verbindung die einzelnen Atome noch iſolirt ſind. In dieſem Zuſtande müſſen dieſelben eine größere Affinität beſitzen, als ſonſt, wo ſie zu Molecülen vereinigt ſind und daher erſt die Arbeit zur Trennung der Molecüle in ihre Atome nöthig iſt.
Aus dem Moleculargewichte kann, wenn vorher die Moleculargröße, d. h. die Anzahl der in einem Molecüle befindlichen Atome, ſei es durch eindeutige, zwingende Verſuche oder durch Schluß nach Analogieen gefunden iſt, auch das Atomgewicht als das relative Gewicht eines Atoms(bezogen auf das Gewicht eines Waſſerſtoffatoms= 1) ermittelt werden. Aus der quantitativen Analyſe findet man die procentiſche Zuſammenſetzung eines Körpers in einer Reihe von Zahlen, durch deren Beziehung auf das Moleculargewicht in einfacher Rechnung die Atomgewichte der Elemente reſultiren. Zur Controle oder zur alleinigen Ermittelung des Atomgewichtes in allen den Fällen, wo der Beſtimmung des Moleculargewichtes oder der Moleculargröße Schwierigkeiten im Wege ſtehen, dienen noch 2 Methoden, welche ſchon von Berzelius(1826) hierzu angewendet wurden, aber nicht allgemein zuläſſig ſind, weil ſie theils kein allgemeingültiges Geſetz zur Grundlage haben und theils nicht in allen Fällen durchführbar ſind.
„Ich meine zuerſt das von Dulong und Petit(1813) aufgeſtellte Geſetz, nach welchem die ſog. Atom⸗ wärme, d. h. das Product aus der ſpec. Wärme und dem Atomgewichte eine conſtante Zahl iſt. Iſt daher für eine Reihe von Elementen dieſe conſtante Zahl möglichſt genau gefunden, ſo kann für andere Elemente der Quotient aus dieſer Zahl und der ſpec. Wärme als das Atomgewicht derſelben gelten. Dieſe Zahl iſt für ca. 34 Elemente 6,4; für die andern Elemente und die meiſten Verbindungen weicht die Größe oft recht beträchtlich hiervon ab. Wenn das erwähnte Geſetz ein allgemein gültiges iſt, ſo muß aus der ſpec. Wärme das Atomgewicht und umge⸗ kehrt aus dem bekannten Atomgewichte die ſpec. Wärme des betreffenden Körpers ſich berechnen laſſen; dieſer theo⸗ retiſche Werth muß mit dem durch den Verſuch ermittelten übereinſtimmen. Vor kurzer Zeit hat Kopp durch eine große und genaue Verſuchsreihe feſtgeſtellt, daß die Uebereinſtimmung der theoretiſchen und gefundenen Werthe ge⸗ ringer ſei, als die Verſuchsfehler erklären können, ſo daß durch ausſchließliche Anwendung des erwähnten Ge⸗ ſetzes wohl kein Atomgewicht mehr feſtgeſtellt werden dürfte. Auch die mechaniſche Wärmetheorie kommt durch ihre Schlußfolgerungen zu gleichem Reſultate. Hiernach gilt das Geſetz von Dulong und Petit genau nur für die Atome an und für ſich, d. h. wenn der Zuſammenhang derſelben oder ihre Gruppirung zu einem Molecül außer Betracht bleibt. Da aber bei dieſen Betrachtungen die Molecüle die Individuen ſind, ſo iſt klar, daß von jeder Wärmezufuhr nur ein Theil dazu verwendet wird, jene Bewegung der Molecüle zu bewirken, die als Temperatur⸗ erhöhung bemerklich iſt, während der andere Theil eine Arbeit innerhalb des Molecüls leiſtet, d. h. eine Beſchleuni⸗ gung der Bewegung der Atome, die das Molecül bilden, bewirkt. Daß eine ſolche Statt findet, beweiſt die That⸗ ſache, von welcher ſchon oben die Rede war. Durch eine Temperaturerhöhung werden chemiſche Metamorphoſen eingeleitet, die in dem Sinne einer Steigerung der Affinität und wie z. B. bei den Diſſociationserſcheinungen im entgegengeſetzten Sinne alſo einer Spaltung der Molecüle erfolgen können. Da demnach die zugeführte Wärme zu verſchiedenen Zwecken dient, ſo kann nur dann bei gleicher Wärmeaufnahme immer dieſelbe Temperaturerhöhung Statt finden, wenn der zu innerer Arbeit verwendete Antheil bei allen Körpern gleich iſt. Dieſe Gleichheit der inneren Arbeit, welche im engſten Zuſammenhange mit der chemiſchen Affinität ſteht, iſt nicht vorhanden, ſie exiſtirt wahrſcheinlich nur für diejenigen Gruppen von Körpern, welche dieſelbe Moleculargröße, eine Uebereinſtimmung in der chemiſchen Conſtitution zeigen.


