Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
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förmigen Körpern iſt demnach das Moleculargewicht mit dem Gewichte zweier Volumeinheiten identiſch. Die hemiſchen Formeln der Elemente oder der Verbindungen ſind jetzt Molecularformeln, und es liegt in ihnen inſofern etwas Vergleichbares, als die durch ſie ausgedrückten Atomgruppen im Gaszuſtande denſelben Raum beſitzen. Dieſe Molecularformeln leiſten uns daher ein doppeltes; ſie bringen ganz wie die früheren atomiſtiſchen oder Aequivalentformeln das Geſetz der feſten Gewichtsverhältniſſe in den chemiſchen Verbindungen zum Ausdruck; außerdem aber genügen ſie auch dem Geſetze der feſten Volumverhältniſſſe.

Zur experimentellen Beſtimmung der Dampfdichte, welche natürlich bei allen jenen Körpern nicht möglich iſt, die ſich nicht in den Dampfzuſtand überführen laſſen, waren das Gay⸗Luſſac'ſche und das Dumas'ſche Ver⸗ fahren gebräuchlich. Beide Methoden haben ihre Vorzüge und Nachtheile, und es iſt daher für einen gegebenen Fall zu ermeſſen, welche am zweckmäßigſten zur Anwendung zu bringen iſt. In neuerer Zeit hat A. W. Hofmann, der uns ſchon mit ſo vielen zur Demonſtration der Volumgeſetze u. A. in hohem Grade geeigneten, einfachen Apparaten beſchenkt hat, einen ſolchen erſonnen, der die Ermittelung der Dampfdichte unter geringem Druck und daher bei verhältnißmäßig niedrigen Temperaturen ermöglicht und im weſentlichen aus einer Barometerröhre be⸗ ſteht mit geräumiger, durch ein Dampfbad erhitzbarer Torricelli'ſcher Leere. So wie durch Beziehung der durch das Experiment erhaltenen Dampfdichte auf das Moleculargewicht des Waſſerſtoffs die Moleculargewichte der Ver⸗ bindungen gefunden werden können, ſo ſind auch auf dem umgekehrten Wege aus den letzteren die Dampfdichten theoretiſch zu beſtimmen, welche natürlich mit den experimentell gefundenen übereinſtimmen müſſen. Dieſer Be⸗ dingung gehorcht eine gewiſſe Anzahl von Körpern nicht; ihre gefundene Dampfdichte iſt z. B. nur halb ſo groß als die theoretiſche, d. h. ihre Molecüle nehmen im Dampfzuſtande nicht zwei ſondern vier Volume ein. Man be⸗ zeichnete dieſe mit dem Avogadro'ſchen Geſetze nicht übereinſtimmenden Dampfdichten mit dem Namen der ano⸗ malen und hat mit ihrer Hülfe oft geglaubt, die Unhaltbarkeit des eben genannten Geſetzes nachweiſen zu können. Gegenwärtig ſind dieſe Anomalien nur Beſtätigungen deſſelben auf Grund der Unterſuchung jener Erſcheinungen, die Ste. Claire⸗Deville(1863) unter dem Namen der Diſſociation zuſammenfaßt. Hiernach beziehen ſich die anomalen Dampfdichten nicht auf die Verbindung, ſondern auf das Gemenge ihrer Beſtandtheile, indem bei der angewendeten Temperatur die Verbindung eine Zerſetzung erfahren hat. Bezüglich dieſer Zerſetzung haben ſowohl die experimentellen wie die theoretiſchen Arbeiten einer großen Anzahl von Gelehrten den Nachweis geliefert, daß dieſelbe bei einer gewiſſen Temperatur beginnt, bei einer Steigerung derſelben allmählich fortſchreitet und endlich bei einer beſtimmten Temperatur vollendet iſt. Während alſo vor der Anfangstemperatur der Diſſociation, falls ſie über dem Siedepunkte liegt, der Dampf mit keinerlei Zerſetzungsproducten gemiſcht iſt, treten dieſe bei höherer Temperatur immer reichlicher auf, bis bei der Endetemperatur der Dampf ausſchließlich ein Gasgemenge der Beſtandtheile iſt. Bei Erniedrigung der Temperatur tritt ebenſo wieder eine ſucceſſive Verbindung ein. Es iſt daher klar, daß dem durch die Wärme geweckten Beſtreben der Körper, ſich zu zerſetzen, bei einer beſtimmten Tem⸗ peratur das Gleichgewicht gehalten wird durch das entgegengeſetzte, von ihrer Affinität herrührende, Streben der Beſtandtheile ſich zu verbinden, und daß dieſes Gleichgewicht nur geſtört wird durch eine Veränderung der Temperatur.

Iſt eine directe Beſtimmung der Dampfdichte oder des Moleculargewichtes unmöglich, ſo ſucht man ſie zu erſchließen per analogiam aus gewiſſen Gemeinſamkeiten chemiſcher Zuſammenſetzungen.

Während die chemiſchen Erfahrungen für die Richtigkeit des Avogadro'ſchen Geſetzes ſprechen, weiſt auch eine Reihe phyſikaliſcher Beobachtungen und Folgerungen darauf hin, eine Theilbarkeit der Molecüle der Elemente in Atome anzunehmen.

Favre und Silbermann(1846) haben bei ihren ausgedehnten Unterſuchungen über die Verbrennungs⸗ wärme die ſonderbare Thatſache gefunden, daß durch die Verbrennung von Kohle in reinem Sauerſtoffgas eine geringere Wärmemenge erzeugt wird als bei der Verbrennung in einer Sauerſtoffverbindung des Stickſtoffs. Dieſes Paradoxon glaubten die genannten Phyſiker nur dadurch erklären zu können,daß in beiden Fällen neben der Kohlenſäurebildung eine Zerſetzung vor ſich gehe, d. h. eine Trennung vorher verbundener Atome; danach müſſen alſo auch in den frei vorkommenden Sauerſtoffpartikeln mehrere(zwei) Atome angenommen werden, und die zu