Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Alsbald nach Aufſtellung der Dalton'ſchen Atomiſtik, nach den Bemühungen, mit den damaligen beſchränkteren Mitteln und in jenen engeren Geſichtskreiſen die Zahlen zu finden, welche man die Atomgewichte nannte, und dieſe in Einklang zu bringen mit den Conſequenzen des Gay⸗Luſſac'ſchen Volumgeſetzes, zeigten ſich Schwierigkeiten, zu deren Hebung der italieniſche Phyſiker Avogadro(1811) eine Theorie aufſtellte, die in der erſten Zeit ihres Erſcheinens von Manchen mit Freuden begrüßt, ſehr bald aber, wie ſchon angedeutet, bei Seite geſchoben wurde, heute jedoch, neu gekräftigt, die Grundlage der modernen Chemie bildet.

Der Kernpunkt iſt die Avogadro'ſche Unterſcheidung der molécules intégrantes und der molécules élémentaires, d. h. der phyſikaliſchen und der chemiſchen Atome, oder wie wir uns jetzt ausdrücken, der Molecüle und der Atome. Durch die Aneinanderlagerung von zwei oder mehreren Atomen, ſei es bei einfachen oder bei zuſammengeſetzten Körpern, entſtehen wieder kleine Theilchen die Molecüle. Letztere ſind alſo Atomgruppen oder Maſſentheilchen, welche durch ihre Anhäufung die Maſſe der Körper bilden(daher Molecüle im Gegenſatze zu den Molen oder Maſſen) und zwar nicht mechaniſch, wohl aber chemiſch weiter, nämlich in Atome theilbar ſind. Die Atome ſind innerhalb des Molecüls an einander gebannt; ſie können nach außen keine chemiſche Wirkung äußern; dies können erſt die Molecüle.Die Molecüle exiſtiren frei und werden bei chemiſchen Metamorphoſen verändert; die Atome exiſtiren nie in freiem Zuſtande und ſind durch chemiſche Einwirkung nicht veränderlich, nicht theilbar. Aus dem Geſagten iſt die Bedeutung der Worte Molecül eines Elementes und Molecül einer Verbindung klar⸗ So befinden ſich in einem Molecül Waſſerſtoff zwei Atome Waſſerſtoff H H; in einem Chlormolecül zwei Atome Chlor Cl Cl; ein Molecül Salzſäure enthält ein Waſſerſtoff⸗ und ein Chloratom Cl H; ein Molecül Phosphor vier Atome PP P P. Eine Ausnahme hiervon bilden ſeit den Arbeiten Cannizzaro's u. A. die 3 Metalle Queckilber, Zink und Cadmium, deren Molecüle nur aus einem Atom beſtehen. So wenig die Form, die Größe, das abſolute Gewicht der Atome bekannt iſt, eben ſo wenig vermögen wir uns bezüglich dieſer Eigenſchaften der Molecüle ſichere Vorſtellungen zu bilden; wohl aber ſind in relativem Sinne eine Reihe von Behauptungen feſt begründet.

Wie ſchon früher angedeutet, entſtand die Avogadro'ſche Hypotheſe zur Beilegung des zunächſt zwiſchen Dalton und Gay⸗Luſſac entſtandenen Streites, deſſen Gegenſtand die Differenzen zwiſchen der Dalton'ſchen Atomiſtik und dem Volumgeſetze waren. Gay⸗Luſſac hatte nämlich von 1805 an zum Theil im Vereine mit A. von Humboldt durch muſterhaft genaue Verſuche nachgewieſen, daß zwei Gaſe ſich ſtets nach einfachen Volum⸗ verhältniſſen verbinden, und daß das Volum der Verbindung(in gasförmigem Zuſtande) in einfachſter Beziehung zu den Volumen der Beſtandtheile ſtehe. Ehe dieſe Unterſuchungen nur angeſtellt werden konnten, war eine Reihe von Vorarbeiten nöthig, deren Reſultat die Verallgemeinerung des von Boyle entdeckten, aber nach Mariotte benannten Satzes, des in dieſer Form ſo wichtigen Gay⸗Luſſac⸗Mariotte'ſchen Geſetzes war. Hiernach zeigen alle Gaſe ein gleiches Verhalten gegen Druck und Temperatur. Alle Gaſe haben denſelben Ausdehnungscoefficienten, der zwiſchen allen Temperaturintervallen unveränderlich bleibt. Eine gleichgroße Temperaturerhöhung oder ⸗ernie⸗ drigung bewirkt bei allen Gaſen eine gleichmäßige Volumvergrößerung oder ⸗verminderung. Einem vergrößerten oder verminderten Druck entſpricht ein gleichmäßig verkleinertes oder vergrößertes Volum. Eine nothwendige Folgerung iſt der Satz, daß in gleichen Volumen aller Gaſe beidemſelben Drucke und derſelben Temperatur eine gleiche Anzahl von Molecülen enthalten iſt, wobei vorausgeſetzt wird, dieſelben ſeien ſo weit von einander entfernt, daß keine gegenſeitige Anziehung Statt findet. Man könnte ferner noch folgern, daß alle Molecüle gleiche Größe und gleichen Abſtand beſitzen. Es enthält daher ein Liter Chlorgas und ein Liter Waſſerſtoffgas gleichviel Molecüle. Wiegt man beide Raumtheile der Gaſe, ſo drückt das Verhältniß ihrer Gewichte auch das Verhältniß der Gewichte je eines Chlor⸗ und eines Waſſerſtoffmolecüls aus. Nennt man das Gewicht eines Liters Waſſerſtoff 1(nach Hofmann Krith= 0,0896 gr.), ſo iſt das Gewicht z. B. des Liters Chlor in dieſer Einheit ausgedrückt 35,5. Es ſind daher die ſpecif. Gewichte der Körper im Gaszuſtande oder die ſog. Dampfdichten bezogen auf das Gewicht des Waſſerſtoffs als Einheit die Noleculargewichte. Um jedoch ſpäter den Uebergang zu den Atomgewichten zu erleichtern, ſo erſchien es zweckmäßig, das Molecül Waſſerſtoff, als aus zwei Atomen beſtehend, mit zwei Volum Waſſerſtoff proportional anzuſehen und demgemäß das Moleculargewicht des Waſſerſtoffs= 2 anzunehmen; in dieſem Sinne iſt daher das des Chlors= 71. Bei gas⸗ oder dampf⸗