Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
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quantitative Beſtimmung ihrer Wirkungen und die Ermittelung ihres Zuſammenhanges mit anderen Naturkräften iſt und bleibt zu allen Zeiten die höchſte Aufgabe der Chemie.

§. 3. Atomiſtik.

Zu Lavoiſiers Zeit ſcheint von allen Chemikern als ſelbſtverſtändlich vorausgeſetzt worden zu ſein, daß die Körper ſich nur in feſtſtehenden Proportionen mit einander verbinden, eine Anſicht, die erſt ſpäter, nachdem durch Lavoiſier die Wage zum Zwecke quantitativer Beſtimmungen allgemeiner in den Gebrauch der Chemiker kam, durch den in der Geſchichte der Chemie ſo berühmten Streit zwiſchen Berthollet und Prouſt, durch die Entdeckungen von Richter, Berzelius und Dalton ihre experimentelle Beſtätigung fand und in den ſtöchiometriſchen Ver⸗ bindungsgeſetzen, dem Fundamente der heutigen Chemie, durch Berzelius ſchließlich firirt wurde.Die Erkenntniß der Wahrheit, daß die Stoffe ſich immer in beſtimmten Gewichtsverhältniſſen mit einander verbinden, und daß, wenn der eine Körper mit dem andern in mehreren Verhältniſſen zuſammentritt, dieſe Proportionen ſtets durch kleine ganze Zahlen ausdrückbar ſind, dieſe Wahrheit hat zunächſt Dalton veranlaßt, die aus dem Alterthume übermachte, von Leucippus und Epikur vertretene, von Lucretius in dem zweiten Buche ſeines großen Lehrgedichtesüber die Natur der Dinge ausführlich entwickelte atomiſtiſche Hypotheſe in die Chemie einzuführen, eine Hypotheſe, welche ſogleich durch die erwähnten Thatſachen, durch Gay⸗Luſſac's Volumgeſetze

eine ſo mächtige Stütze erhielt, daß ſie allgemeine Anerkennung fand, die ſpäterhin durch unrichtige Deutung neu aufgefundener Thatſachen, durch Unklarheit und Verworrenheit in den Begriffen Atomgewicht und Aequivalent faſt aus der Wiſſenſchaft verdrängt, aber durch glänzende Forſchungen, zumal im Gebiete der organiſchen Chemie, jeglichen Widerſtand beſiegend wieder in dieſelbe eingeführt wurde. Die feſte Begründung der atomiſtiſchen Theorie hat in der Wiſſenſchaft ſelbſt im erſten Drittel dieſes Jahrhunderts ſchwere Kämpfe verurſacht und dazu wurde und wird noch dieſelbe von philoſophiſcher Seite beanſtandet. Sie iſt ganz aus dem Schoße der Philoſophie hervor⸗ gegangen; als ſie den Zankapfel verſchiedener philoſophiſcher Richtungen bildete, erhielt ſie wichtige Anregungen und Erweiterungen, ſo durch die Gegenſätze Gaſſendi's(†⁵ 1656) und Descartes'( 1650), durch den Baron Holbach(†⁵ 1789), von dem die Anſicht von der Gleichheit der Atome in demſelben Körper und ihrer Verſchieden⸗ heit in verſchiedenen Körpern herzurühren ſcheint, eine Anſicht, welche jedoch ihren Urſprung Anaxagoras von Klazomenä( 428 v. Chr.) verdankt; ferner durch die Entwicklung der Leibnitz'ſchen Monadenlehre, welcher die Atomiſtik den großen Fortſchritt verdankt, die Atome als Sitze von Kräften anſehen zu köͤnnen. Die Dynamiker ſind es, welche von Kant an bis heute die Atomiſtik befehden, ein Kampf, der, ſeitdem dieſe Hypotheſe eine natur⸗ wiſſenſchaftliche Theorie iſt, gedeckt durch den mächtigen Wall feſtbegründeter Thatſachen, nur mit ſehr ungleichen Waffen geführt wird. Gemäß der Rolle, welche ſeit dieſem Jahrhundert die geſammte Naturwiſſenſchaft, durch die frühere Naturphiloſophie dazu veranlaßt, der Philoſophie gegenüber eingenommen hat, überließ man derſelben, ſich mit dieſer Theorie auseinander zu ſetzen. Das Erſcheinen der Fechner'ſchen Schrift zur Vertheidigung der Atomen⸗ lehre kam wohl vielen Naturforſchern wie ein Act der Höflichkeit vor, um den Philoſophen einen Boden der Verſtän⸗ digung zu bieten. Zu den namhaften Philoſophen, welche die phyſikaliſche Atomiſtik philoſophiſch zu verwerthen ſuchen, gehört Hermann Ulrici in Halle, z. B. in ſeinen WerkenGott und die Natur undGott und der Menſch, in einer Darſtellung, mit welcher auch der Philoſoph am Collegium Romanum, Tongiorgi, indem er die früheren philoſophiſchen Speculationen über die Conſtitution der Materie insbeſondere der ſcholaſtiſchen Zeit (eoque tempore quo chimica scientia nulla erat) verwirft, ſich in Uebereinſtimmung befindet und zwarquum de factis philosophari volumus, einem Grunde, der, wenn er allgemein den Philoſophen als Richtſchnur gälte, einem erſprießlichen Zuſammenwirken der Philoſophie und Naturwiſſenſchaft die Bahn eröffnen würde. Es muß dahin kommen, um mit Virchow zu reden, daß man einſieht, daß die Probleme, welche die Phyſil verfolgt, regelrecht geſtellt ſind. Mag man nun die Meinung feſthalten, daß die Atome nicht die letzte Löſung der Frage über das Weſen der Materie darſtellen, aber das muß man zugeſtehen, daß bis zu einer gewiſſen Grenze hin das Vorgehen der Naturwiſſenſchaft ein berechtigtes iſt, und daß man nicht umletzter Probleme willen an der Wahrheit und Realität derjenigen Dinge zweifeln darf, welche wir mit unſerer Methode regelmäßig verfolgen können.