Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
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Entwicklung erreichte Station der ſeit Lavoiſier betretenen Bahn. Wenn es wirklich wahr iſt, daß dieſe ſog. moderne Chemie ſich in der oben charakteriſirten Weiſe von den früheren Anſchauungen durch ſchärfere und klarere Faſſung unterſcheidet, ſo liegt gerade darin gegenüber den erwähnten pädagogiſchen Bedenken die Forderung ohne Zweifel begründet, in dem Unterrichte die Chemie nach den neueren Anſichten zu treiben, und dieſe Forderung wird noch dann kräftigſt unterſtützt, wenn in didaktiſcher Beziehung Fortſchritte dergeſtalt gemacht ſind, daß wohl wie bei allen menſchlichen Inſtitutionen einzelne Mängel hervorzuheben, Ausſtellungen am Ganzen aber ſolange unberechtigt ſind, als nicht in gleich epochemachender Weiſe wirkliche Verbeſſerungen producirt werden. Den zuletzt erwähnten Fortſchritten eine für die Schule immer mehr Nutzen bringende Geſtalt zu geben, iſt man mit dem regſten Eifer beſtrebt; auch unterläßt man nicht, ihnen eine weitergehende Aufmerkſamkeit zuzu⸗ wenden. Den Blick auf die Umwandlung, welche die wiſſenſchaftlichen Principien erfahren haben, zu lenken, ſei die im Folgenden zu löſende Aufgabe. Sehen wir uns daher, ſoweit es ohne ein genaueres Eingehen auf Specialitäten und vom Standpunkte eines Zuſchauers aus möglich iſt, die heutige Stellung der Chemie und, wie ſie ſich herangebildet hat, an unbekümmert darum, ob und wie es thunlich iſt, dieſen Standpunkt in der Schule zu vertreten.

§. 2. Aufgabe.

Man kann wohl ſagen, daß die vorwiegende Richtung der Arbeiten beſtimmt wird durch die herrſchende Auffaſſung deſſen, was man als die Aufgabe der Wiſſenſchaft bezeichnet, und daß die ganze wiſſenſchaftliche Thätigkeit eine um ſo fruchtbarere, nach allen Seiten hin Segen ſpendende wird, je mehr die Aufgabe als in der Wiſſenſchaft ſelbſt liegend erkannt wird, je weniger dieſe ſich zur Dienerin macht gegenüber irgend welchen Anforderungen von außen her. Dieſe Losſchälung von äußeren Anforderungen, dieſe nach und nach erfolgende Emancipation kennzeichnet ſo ſcharf und deutlich die Entwicklung, daß man nach der gerade herrſchenden Anſicht über die Aufgabe der Chemie die verſchiedenen Epochen ihrer Geſchichte benannt hat.

Ueber die chemiſchen Speculationen der Griechen und Römer, über ihre Anſchauungen und ihre Praris, ſowie über die ihnen gewordenenen Ueberlieferungen anderer Culturvölker hat in ausführlicher, gründlichſter Weiſe Hermann Kopp, der große Meiſter in chemiſcher Theorie und Praxis, in ſeinem claſſiſchen Werke Geſchichte der Chemie und neuerdings in ſeinenBeiträgen zur Geſchichte der Chemie Unterſuchungen angeſtellt, die des Intereſſanten viel für jeden Gebildeten enthalten. Nur daran ſei erinnert, daß die An⸗ ſchauungen des Alterthums, wie ſie überhaupt für die ganze wiſſenſchaftliche Richtung des Mittelalters bis tief in die neue Zeit maßgebend waren, ſo auch unverkennbar den Grund legten zu gewiſſen chemiſchen Theorien der ſpäteren Zeit, z. B. der Phlogiſtontheorie, die gerade mit Rückſicht auf die hohe und bis dahin faſt nicht angefochtene Autorität der Alten eine ſo hartnäckige Vertheidigung fanden.Von der Zeit an, wo die in dem Alterthume vereinzelt daſtehenden Kenntniſſe chemiſcher Thatſachen in dem Streben nach einem beſtimmten Ziele zuerſt zuſammengefaßt erſcheinen, betrachtete die Chemie die künſtliche Erzeugung von Gold und Silber, die Um⸗ wandlung der unedlen Metalle in dieſe edlen Metalle als ihre eigentliche Aufgabe; dieſes Zeitalter der Alchemie erſtreckte ſich bis ins 16. Jahrhundert. Den alchemiſtiſchen Beſtrebungen anfangs noch zugethan, allmählich ſich von ihnen befreiend, herrſcht bis in das 17. Jahrhundert die Richtung,die Heilkunde auf die Chemie zu baſiren, die chemiſchen Thatſachen zu benützen, um eine Grundlage für die theoretiſche und praktiſche Medicin zu gewinnen, eine Epoche, welche mit dem NamenZeit der Jatrochemie bezeichnet wird. Mit der nun beginnendenPeriode der Phlogiſtiker fängt die Chemie an, den wiſſenſchaftlichen Weg einzuſchlagen, ſich ihrer wahren Aufgabe mehr bewußt zu werden. Das Ende dieſer Periode iſt, wie ſchon angegeben, mit dem Namen Lavoiſier aufs engſte verknüpft. Als die wahre Aufgabe der Chemie erſcheint nunmehrdie Erkenntniß, wie die verſchiedenen Körper zuſammenge⸗ ſetzt ſind und wie ihre Verſchiedenheit auf ungleicher Zuſammenſetzung beruht, wie ſie zuſammengeſetzt werden und welche Aenderungen ihre Zuſammenſetzung unter gewiſſen Umſtänden erleidet. In allgemeinerer Faſſung drückt ſich Hermann Kolbe folgendermaßen aus:Die Aufgaben der heutigen Chemie ſind in ihren Endzielen keine anderen, als die ſpäterer Zeiten. Die Erforſchung der die chemiſchen Proceſſe hervorrufenden Naturkräfte, die