Aufsatz 
Die Ansichten der neueren Chemie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

welchem ſich erſt über ein halbes Jahrhundert ſpäter das von Helmholtz, Mayer u. A. genauer formulirte Princip von der Erhaltung der Kraft an die Seite ſtellte. Beide Principien bilden die Grundlagen der gegenwärtigen Naturanſchauung. Nachdem durch das erwähnte Princip von der Conſtanz des Stoffs das Fundament zur gedeihlichen Entwicklung der Chemie gelegt war, richtete ſich die Thätigkeit der Meiſter und Jünger der Wiſſenſchaft nach mehr beſtimmten Zielen, und in dem edlen Wettſtreite ſproßte eine ſolche Fülle von Thatſachen hervor, daß, ſo kann man wohl ſagen, der Geiſt eines Mannes kaum mehr hinreicht, den ganzen Reichthum zu umſpannen. Die Schuld daran trägt der Umſtand, daß die einzelnen Erſcheinungen zuſammenhangslos, man möchte ſagen individuell nebeneinander ſtehen, daß alſo jener Faden, der alle Er⸗ ſcheinungen umſchlingt, unſerm Geiſte bis jetzt nicht zu Geſichte kommen konnte. Beängſtigend, möchte man annehmen, wirkt noch der Gedanke, es könnte jener Faden um ſo ſchwieriger aufzufinden ſein, je weiter das Material anwächſt. Dieſe Lage iſt kaum bei irgend einer andern naturwiſſenſchaftlichen Disciplin, die ſo klar ihre Aufgabe erkennt und über eine ähnliche Fülle von zur entſcheidenden That bereiten Begeiſterung gebietet, vorhanden. 3

Es iſt in weiteren Kreiſen bekannt und wird als ein Triumph der rechnenden Aſtronomie erkannt, wie aus beobachteten Störungen des von Herſchel entdeckten Uranus der Aſtronom Leverrier nicht etwa nur das Vorhandenſein eines neuen Planeten erſchloß, denn dies geſchah ſchon vor ihm, ſondern deſſen Maſſe und Stellung genau berechnete, ſo daß es auf geſchehene Mittheilung hin Galle möglich wurde, an der bezeichneten Stelle des Himmels den neuen Planeten, Neptun, wirklich aufzufinden. Aehnliche Triumphe auf dem Gebiete deductiven Forſchens können noch andere naturwiſſenſchaftliche Disciplinen aufweiſen; wir erinnern nur an die von Hamilton aus Gleichungen, welche die Bewegung der Lichtſtrahlen in doppeltbrechenden Medien be⸗ herrſchen, abgeleitete ſogen. innere und äußere coniſche Refraction, deren experimentelle Beſtätigung erſt ſpäter durch Lloyd erfolgte; ferner ſei hingewieſen auf eine Reihe von Errungenſchaften, welche Clauſius, Maxwell u. A. aus der mechaniſchen Wärmetheorie zogen.

Der Chemiker kann epochemachende Leiſtungen auf dieſem Gebiete nicht aufweiſen. Dem Anſcheine nach einfachſte Erſcheinungen der chemiſchen Affinität ſind ihm für jetzt unlösbare Räthſel. Schüttelt er erwärmtes Queckſilber in einem offenen Gefäße, ſo ſetzt ſich an der Gefäßwand nach und nach ein gelbrothes Pulver ab⸗ Er kennt dies Pulver, Queckſilberoxryd, als eine Verbindung des Queckſilbers mit Sauerſtoff. Wird dieſer Körper denſelben Bedingungen, unter welchen er ſich aus Queckſilber und dem atmoſphäriſchen Sauerſtoffe gebildet hatte, einer höheren Temperatur ausgeſetzt, ſo zerfällt er wieder in ſeine beiden Beſtandtheile. Bezüglich der kosmiſchen Anziehung iſt durch das einfache Newton'ſche Gravitationsgeſetz der Alles umfaſſende Er⸗ klärungsgrund gegeben, der die großartigen Leiſtungen der Aſtronomen, Werke wie diehimmliſche Mechanik ermöglichte. Dem Chemiker ſteht kein ſolches Fundamentalgeſetz zu Gebote, vermittelſt deſſen er den Grad der chemiſchen Anziehung, wie er etwa durch höhere oder niedere Temperatur, durch die Art des Stoffes der affinen Körper beſtimmt wird, zu deduciren vermöchte. Dieſe Armuth der Chemie an wohlbegründeten Lehren, an fundamentalen Geſetzen iſt bedauerlich an und für ſich, insbeſondere aber beeinträchtigte ſie in den Augen vieler Pädagogen den Bildungswerth derſelben in den Schulen. Indem vorzüglich ihre Unentbehrlichkeit in den meiſten Verhältniſſen des Lebens ihr den Eingang in die Lehrplane verſchaffte, wird ihr zum Vorwurf gemacht, daß⸗ ſie einmal wegen der oben angegebenen Mängel, die durch den Standpunkt der Wiſſenſchaft bedingt ſind und dann wegen der Unzweckmäßigkeit der die formale Bildung zu wenig beachtenden Unterrichtsmethode, wegen einer unlogiſchen Didaktik den übrigen Theilen der Naturwiſſenſchaft als pädagogiſches Bildungsmittel nachſtehe. Vor einer Anzahl von Jahren war dieſer Vorwurf nach ſeinen zwei Richtungen hin ein nicht unberechtigter; heute kann er in dieſer allgemeinen und unbedingten Form gewiß nicht mehr aufrecht erhalten werden. Es ſind große Fortſchritte gemacht worden in der Wiſſenſchaft und in der Didaktik. Es war das gemeinſame Streben der Chemiker darauf gerichtet, die Begriffe, die Hypotheſen, die Principien in einer Weiſe zu klären, daß man ſeit einigen Jahren mit dem Wortemoderne Chemie den Begriff einer faſt neuen Wiſſenſchaft verbindet, die ſchon in weitere Kreiſe ſich Eingang verſchafft hat. In Wahrheit bezeichnet jedoch das Wort nichts anderes, als eine in naturgemäßer