Die Anſichten der neueren Chemie.
Geore
§ 1. Einleitung.
In dem Entwicklungsgange der Naturwiſſenſchaften ſind im Allgemeinen zweierlei Thätigkeiten ſenſueller und intellectueller Arbeit zu unterſcheiden. Zunächſt iſt das Object durch mittelbare oder unmittelbare Beob⸗ achtung zu beſchaffen, ſo daß dasſelbe in ſicheren Thatſachen der äußeren Wahrnehmung und des Bewußtſeins beſteht. Bezüglich dieſes Materials eine klare, zuſammenhängende und in ſich übereinſtimmende Erkenntniß herzuſtellen, iſt die zweite der erwähnten Thätigkeiten; durch ſie erſt entſteht das wiſſenſchaftliche Syſtem. Von beiden iſt die letztere der Natur der Sache nach die relativ ſchwierigſte, und ebenſo natürlich iſt der Grad der Entwicklung verſchiedener Wiſſenſchaften in dieſer Hinſicht je nach der Art ihrer zu behandelnden Gegenſtände ſehr verſchieden. Iſt für eine Wiſſenſchaft auf Grund des dermalen vorhandenen Materials jene Erkenntniß ſo weit hergeſtellt, daß ſie als allgemeiner Erklärungsgrund dienen kann, um aus gegebenen Bedingungen die Art der Erſcheinung als deren Folge deduciren zu können, ſo hat dieſelbe eine Stufe ihrer Vollkommenheit erreicht und man kann in dieſem Sinne mit Redtenbacher ſagen: Jede Naturwiſſenſchaft beginnt mit Induction und ſchließt mit Deduction. Das ſo charakteriſirte wiſſenſchaftliche Treiben vergrößert ſtets die Summe der beobachteten Thatſachen und der dieſen zu Grunde liegenden Geſetze und bedingt dadurch einen ſucceſſive angebahnten Umſchwung in der das ganze Object der Wiſſenſchaft nach ſeinem inneren Zuſammenhange erfaſſenden Erklärung. Von allen dieſen Veränderungen und der jeweiligen Richtung des Geiſteslebens hängt das der Wiſſenſchaft vorſchwebende Ziel, ihre Aufgabe ab. Dieſer durch die oft energiſche Wirkſamkeit geiſtiger Kräfte hervorgebrachte Wandel ruft wie jede Action eine mehr oder weniger bedeutende Reaction hervor, welche geweckt wird durch den nicht abzuleugnenden conſervativen Sinn der Majorität, der möglichſt darauf bedacht iſt, die liebgewonnene Erbſchaft der Vorgänger zu erhalten oder durch die oft nicht unberechtigte Furcht vor Ueberſtürzungen, welche häufig das Gefolge von Neuerungen ſind. Es geht aus dieſem Widerſtande für die Wiſſenſchaft und ihre continuirliche Entwicklung ein großer Vortheil hervor, der hauptſächlich darin beſteht, die Theoretiker zur Vorſicht und zur Anſtellung überzeugender Beobachtungen zu zwingen. Je mehr es beiden Beſtrebungen um die Sache ſelbſt zu thun iſt, deſto höheren Gewinn an erweiterter Erkenntniß trägt die Wiſſenſchaft davon.
Die heutige Chemie datirt ihren Beginn pon dem Sturze der Phlogiſtontheorie, von der radicalen Reform der chemiſchen Anſchauungen, die in dem genialen Lavoiſier ihren Urheber feiert. Mit der Wage in der Hand ſtellte er ein fundamentales Geſetz, das Princip von der Erhaltung der Materie auf,
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