Aufsatz 
Das Christentum und die neuere Sprachwissenschaft
Entstehung
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ſchaften im XVI. Jahrhundert, vor allen durch die Bemühungen Reuchlin's, der es von einem gelehrten jüdiſchen Arzt in Bologna gelernt hatte, einen bedeutenden Aufſchwung, der ſeitdem nicht wieder erloſchen iſt.

Einen weit bedeutenderen Dienſt leiſtete ſodann das Chriſtenthum der Sprachwiſſenſchaft durch den unmittelbaren Einfluß, den es auf die Erhaltung und Förderung der verſchiedenen Volksſprachen übte. Nach dem Ausſpruche ihres göttlichen Meiſters waren die Apoſtel und ihre Nachfolger angewieſen, in alle Welt zu gehen und den Völkern das Evangelium zu predigen. Sie waren daher genöthigt, ſich der Volksſprachen zu bemächtigen und vermittelſt derſelben mit ihnen zu verſtändigen.Da das Chriſtenthum am Anfang ſeiner Geſchichte, im grellen Gegen⸗

ſatz zum Islam, ſich nicht durch die Gewalt des Schwertes, ſondern nur durch die Macht des

Wortes, insbeſondere ſeiner heiligen Schriften zu verbreiten vermochte, mußte es was jener für unnütz, ja für unmöglich, ſelbſt freventlich hielt ſie in die Sprachen aller Völker über⸗ ſetzen, zu denen es drang. Dadurch erhielten dieſe in ihrer Sprache Bücher, welche bei der

Einheit der chriſtlichen Gemeinden den Gebildeten, wie den Ungebildeten unter ihren Mitglie⸗

dern gleich heilig waren und daher auch jene zu dem Gebrauche der Volksſprache zurückführten. Keine heilige Sprache trat bei den Chriſten mit ähnlicher Exkluſivität, wie die klaſſiſchen, den übrigen gegenüber; alle Völker, welche das Chriſtenthum annahmen, erhielten heilige Schriften in ihren Sprachen, die dadurch gewiſſermaßen ſelbſt geheiligt wurden. Wie alle Menſchen durch das Chriſtenthum gleiche Berechtigung empfingen, ſo auch alle Sprachen, und damit war der Bann gebrochen, welcher der weiteren Entwicklung der Sprachwiſſenſchaft ſo verderblich zu wer⸗ den drohte. ¹)

Demnach verdanken wir dem Chriſtenthume die älteſten und für die Geſchichte der ein⸗ zelnen Sprachen höchſt werthvollen Denkmäler der Sprache und Literatur. So beginnen unter andern die koptiſche, ſyriſche, armeniſche, äthiopiſche, celtiſche, ſlaviſche und unſere eigene Lite⸗

ratur, ſei es mit Ueberſetzungen der h. Schriften oder mit andern Werken religiöſen Inhalts.

Dieſe Sprachdenkmäler aber laſſen nicht nur den Stand und die Beſchaffenheit jener Sprachen zu einer Zeit erkennen, aus der wir ſonſt wenige oder gar keine ſprachlichen Ueberreſte beſitzen, ſondern ſie bilden auch für längere Zeit den Mittelpunkt, an welchen ſich die literariſchen und ſprachlichen Beſtrebungen anſchließen, das Ferment, das dieſelben hervorruft und ihren Charakter beſtimmt. Wie unſchätzbar z. B. für die Kenntniß der Geſchichte unſerer Sprache iſt nicht die gothiſche Bibelüberſetzung des Ulfilas(318 388), mit welcher unſere Sprache zum erſten Male

¹) S. Benfey a. a. O. S. 172. Es beſtätigt ſich hier, wie in ſo vielen andern Beziehungen, daß das Chriſten⸗ thum als Religion der Duldung und Liebe das Natürliche überall ſchont und anerkennt, aber es zu veredeln ſucht.

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