Aufsatz 
Das Christentum und die neuere Sprachwissenschaft
Entstehung
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Kirche und der Gelehrten mit dem größten Eifer ſtudiert wurde. War doch die Kenntniß des Lateiniſchen im ganzen Mittelalter zum Verſtändniß, zur Auslegung und zur Erklärung der h. Schrif⸗ ten und als Organ ſämmtlicher Wiſſenſchaften, welche damals gelehrt wurden, für den Geiſt⸗ lichen und Gelehrten unentbehrlich. Zu dem Ende wurden in den Kloſter⸗ und Stiftsſchulen die bedeutendſten lateiniſchen Klaſſiker, deren Handſchriften man durch Abſchreiben vervielfältigte, ge⸗ leſen, erklärt und auswendig gelernt ¹).

Wie aber die eifrige Beſchäftigung mit der ausgebildeten lateiniſchen Sprache und Literatur einerſeits einen günſtigen Einfluß auf die Ausbildung und Bereicherung der Volksſprachen übte, ſo wurde anderſeits durch das Studium der mit ſoviel Scharfſinn ent⸗ wickelten lateiniſchen Grammatik der Sinn für die grammatiſche Seite der Volksſprachen ge⸗ weckt und angeregt ²).

Das Griechiſche trat zwar im Mittelalter allerdings gegen das Lateiniſche zurück; aber der Umſtand, daß die h. Urkunden in der griechiſchen Sprache verfaßt waren, hatte doch zur Folge, daß die Kenntniß desſelben während des Mittelalters nicht ganz erloſch, woann auch nur Wenige es genauer kannten ³). Als aber im XV. Jahrhunderte mit der Eroberung Konſtan⸗ tinopels durch die Türken die griechiſchen Gelehrten nach Europa flüchteten; da war es nicht zum geringſten Theile das Streben, die h. Schriften in der Urſprache zu verſtehen, welches dem Studium des Griechiſchen, insbeſondere in Deutſchland, neue Nahrung gab und dasſelbe kräftig förderte).

Das Hebräiſche ſchließlich, obwohl es als die Sprache des alten Teſtamentes und nach der damaligen Anſicht als die Urſprache in hohem Anſehen ſtand, wurde im Mittelalter faſt ganz vernachläſſigt, höchſtens ſeit dem XIII. Jahrhunderte von Ordensgeiſtlichen zur Bekämpfung des Judenthums betrieben 5). Auch dieſes nahm aber mit dem Wiederaufblühen der Wiſſen⸗

¹) Dieſe Studien umfaßte die Grammatik, welche mit der Rhetorik und Dialektik das Trivium oder die erſte Abtheilung der 7 freien Künſte, d. h. der Wiſſenſchaften, die des freien Menſchen würdig ſind, bildete.

²) Es iſt eine Nachwirkung des vorwiegenden Studiums der lateiniſchen Sprache, daß bis in die neuere Zeit die Grammatiken und Lexika der meiſten Sprachen nach dem Muſter der lateiniſchen angelegt ſind. Vgl. Benfey a. a. OQ. S. 169. ff.

³¹) So wurde im Kloſter zu St. Gallen im X. Jahrhundert Griechiſch getrieben; die 3 Ottonen ſtan⸗ den in Verbindung mit Griechenland; in Canterbury war ein Grieche aus Tarſus in Cilicien Biſchof; Gerbert, ſpäter Papſt Sylveſter, verſtand Griechiſch, und im XII. Jahrhundert war die Kenntniß desſelben in Frank⸗ reich ziemlich verbreitet. S. Benfey a. a. O. S. 179.

) Die erſten Hauptlehrer des Griechiſchen in Deutſchland waren Reuchlin(1453 1522) und Melanchthon(1497 1560).

) Schon 1259 hatte Raymundus de Pennaforte den Dominikanern das Studium des Hebräiſchen empfohlen, Pabſt Clemens V. aber auf dem Concile von Vienne(131112) die Errichtung von Profeſſuren desſelben auf allen Univerſitäten angeordnet. S. Benfey a. a. O. S. 217.