Aufsatz 
Das Christentum und die neuere Sprachwissenschaft
Entstehung
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in den Augen denkender Beobachter eine Löſung verlangte, und ich datiere daher den wirklichen Anfang der Sprachwiſſenſchaft von dem erſten Pfingſttage. Nach jenem Tage zertheilter Zungen verbreitet ſich ein neues Licht über die Welt, und Gegenſtände bieten ſich dem Blicke dar, welche den Augen der Völker verborgen geweſen waren. Alte Wörter nehmen einen neuen Sinn an, alte Probleme erhalten ein neues Intereſſe, alte Wiſſenſchaften neue Ziele; der ge⸗ meinſame Urſprung der Menſchheit, die Verſchiedenheit der Raçen und Sprachen, die Empfäng⸗ lichkeit aller Völker für die höchſte, geiſtige Bildung, dieſe werden in der neuen Welt, in welcher wir leben, Aufgaben wiſſenſchaftlichen, weil mehr als wiſſenſchaftlichen Intereſſes. Es iſt kein ſtichhaltiger Einwurf, daß ſoviele Jahrhunderte verfloſſen ſind, ehe der Geiſt, welchen das Chriſtenthum jedem Zweige wiſſenſchaftlicher Forſchung eingoß, ſichtbare Ergebniſſe hervor⸗ brachte. Wir ſehen in der Eichenflotte, welche auf dem Ocean ſchwimmt, die kleine Eichel, die Jahrhunderte in dem Boden begraben lag, und wir erkennen in der Philoſophie des Albertus Magnus, obgleich beinahe 1200 Jahre nach dem Tode Chriſti, in den Beſtrebungen Kepler's und in den Forſchungen der größten Philoſophen unſers eigenen Zeitalters den Klang jenes Ge⸗ dankenſchlüſſels, welcher zuerſt angeſchlagen worden durch den Apoſtel der Heiden, ¹) wenn er ſagt: Sein unſichtbares Weſen, ſeine ewige Kraft und Gottheit wird ſeit der Schöpfung der Welt durch die Betrachtung ſeiner Werke geſchaut.

Aber das Chriſtenthum hat die Sprachwiſſenſchaft durch ſeine den Menſchen befreienden und von aller Engherzigkeit erlöſenden Lehren nicht bloß möglich gemacht, ſondern es hat der⸗ ſelben auch im Laufe der Zeit nach allen Seiten hin den kräftigſten Vorſchub geleiſtet. Ihm verdanken wir zunächſt die Erhaltung, die Pflege und Ausbreitung der klaſſiſchen Sprachen des Alterthums, des Griechiſchen und Lateiniſchen und bis zu einem gewiſſen Grade auch des Hebräi⸗ ſchen. Als nämlich im V. Jahrhunderte nach Chriſti Geburt das gewaltige römiſche Reich vor dem Andrang der Germanen in Trümmer ſank, als die Provinzen verwüſtet, die Städte zer⸗ ſtört wurden, und damit die geſammte alte Kultur unterzugehen drohte; da war es die Kirche, welche den aus ihren ſeitherigen Sitzen verſcheuchten Wiſſenſchaften in ihren ſtillen Kloſtermauern eine Zufluchtsſtätte gewährte, wo ihnen Jahrhunderte hindurch die eifrigſte Pflege zu Theil ward. Denn das Hebräiſche, Griechiſche und Lateiniſche galten im Mittelalter als die drei heiligen, alle übrigen an Wichtigkeit übertreffenden Sprachen, weil in ihnen die wichtigſten Urkunden des Chri⸗ ſtenthums abgefaßt, weil, wie der berühmte Abt von Fulda, Rhabanus Maurus, ſich ausdrückt, Pilatus ſich ihrer bedient, um auf das Kreuz des Erlöſers ſein Todesurtheil zu ſchreiben. Im Vordergrund ſtand natürlich im ganzen Abendland das Lateiniſche, welches als die Sprache der

¹) Römerbrief I. 20.