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legenheit hatten, die Sprachen des Sanskrit, der heiligen Schriften der Perſer, der Keilinſchriften Aſſyriens, Babylons, Armeniens, ſowie der Hieroglyphen kennen zu lernen und für ihre Sprach⸗ forſchung zu benutzen,„wie war es möglich“, ſagen wir, daß dieſelben dennoch dieſe nahe liegende Gelegenheit vorüber gehen ließen, ohne ihre Sprachkenntniß auszudehnen und zu er⸗ weitern, wodurch die geſammte Sprachwiſſenſchaft 2000 Jah re früher eine ganz andere Geſtalt erhalten hätte? ¹)
Hierauf haben wir die einfache, aber entſcheidende Antwort: Die Urſache dieſer auffallenden Erſcheinung lag in dem Nationalvorurtheile, in welchem die klaſſiſchen Völker des Alterthums be⸗ fangen waren, daß die übrigen Nationen einer niederen, nicht ebenbürtigen Race angehörten, nicht in Wahrheit Menſchen ſeien desſelben Geſchlechtes, wie ſie.„Es gehört in der That ein gewiſſer Grad von Blindheit oder vielmehr Taubheit dazu“, ſagt M. Müller, ²)„eine Aehnlich⸗ keit, wie ſie unter andern zwiſchen der griechiſchen, lateiniſch en und deutſchen Sprache zu Tage tritt, nicht wahrzunehmen, und dieſe Blindheit oder Taubheit entſprang, wie ich glaube, ganz und gar aus dem bloßen Worte„Barbar“. Nicht eher, als das Wort„Barbar“ aus dem Wörterbuche der Menſchheit ausgetilgt und durch„Bruder“ erſetzt, nicht eher als das Recht aller Völker der Welt anerkannt wurde, als Glieder eines Geſch lechtes betrachtet zu werden, können wir auch nur nach den erſten Anfängen unſerer Wiſſenſchaft ³) uns umſehen. Dieſe Veränderung aber wurde durch das Chriſtenthum bewirkt. Für die Hindu war jedermann, nicht zweimal geboren, ein Mlecha, für die Griechen jedermann, der nicht Griechiſch ſprach, ein Barbar, für die Juden ein jeder, der nicht beſchnitten, ein Heide; für die Muhamedaner iſt jeder, der nicht an den Propheten glaubt, ein Giaur oder Kaffir 4). Das Chriſtenthum war es, welches zuerſt die Schranken zwiſchen Jude und Heide, zwiſchen Grieche und Barbar, zwiſchen Weißen und Schwarzen niederriß. Humanität iſt ein Wort, nach dem man ſich vergebens bei Plato oder Ariſtoteles umſieht; die Idee der Menſchheit, als einer Familie, als der Kinder eines Gottes iſt chriſtlichen Urſprungs, und die Wiſſenſchaft der Menſchheit(Völkerkunde) und der Sprachen der Menſchheit iſt eine Wiſſenſchaft, welche ohne das Chriſt enthum niemals ins Leben getreten ſein würde. Erſt, nachdem die Menſchen gelehrt worden, auf alle Menſchen als Brüder zu blicken, erſt dann bot ſich die Mannigfaltigkeit menſchlicher Sprachen als ein Problem dar, das
¹) Wie ganz anders würde die Sprachwiſſenſchaft bei den Alexandrinern ſich geſtaltet haben, wenn ein Mann von dem Scharfſinn und der Univerſalität des Ariſtoteles es der Mühe werth gehalten hätte, die Sprachen der von ſeinem Schüler Alexander unterworfenen Völker eines prüfenden Blickes zu würdigen!
²) S. M. Müller, lectures on the science of language, S. 123.
³) Hier beſonders vergleichende Sprachwiſſenſchaft und Klaſſifikation.
4⁴) D. h. Ungläubiger.


