Aufsatz 
Das Christentum und die neuere Sprachwissenschaft
Entstehung
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Weg wurde von den Stoikern, welche bei ihren logiſchen Unterſuchungen überall von der Sprache, der ſie im Sinne der früheren Phyſiker eine hohe Wichtigkeit und Bedeutung beilegten, aus⸗ gingen, fortgeſetzt und auf die Alexandriner vererbt. Dieſe aber, indem ſie das Ueberkommene bei der Erklärung und Auslegung der griechiſchen Klaſſiker verwertheten und bereicherten, bilde⸗ ten allmählich das Gerüſt und Fachwerk der Grammatik mit ihrer Terminologie, der Einthei⸗ lung in Formenlehre und Syntax, der Benennung der Redetheile u. ſ. w. aus, welches ſeit⸗ dem Gemeingut aller gebildeten Völker geworden iſt und noch jetzt beſteht.

So ſehr wir nun aber auch die phantaſievollen Ahnungen der Griechen über das Weſen der Sprache und ihr Verhältniß zu den Dingen und zum Denken einerſeits, die Schärfe und Genauigkeit ihrer Beobachtungen und Reflexionen über die Sprache als ſolche anderſeits zu bewundern alle Urſache haben; ſo können wir dieſelben doch gegenwärtig nur als einem über⸗ wundenen Standpunkte angehörig betrachten. ¹) Fehlte ihnen einerſeits die tiefere Erkenntniß des Menſchen in pſychologiſcher und phyſiologiſcher Beziehung, ſowie nach ſeinem Verhältniß zu Gott und der Welt, und damit die Möglichkeit, das Problem der Sprache in ſubjektiver und objektiver Beziehung, oder in ſeinem Verhältniß zum Menſchen, zu Gott und den Dingen zu löſen; ſo mußte anderſeits ihre reale und thatſächliche Erkenntniß der menſchlichen Sprache eine äußerſt mangelhafte ſein, da ſie, auf eine Sprache, nämlich die griechiſche, beſchränkt, eine Vergleichung anzuſtellen nicht im Stande waren. Denn wie derjenige, welcher nur eine oder einige Pflanzen derſelben Art, wenn auch noch ſo genau, kennt, noch nicht über die Natur und das Weſen der Pflanzen überhaupt zu urtheilen vermag, da dieſelben in ihrem Bau ſehr ver⸗ ſchieden ſind; ſo waren auch die Griechen trotz des genauen und gründlichen Studiums ihrer Mutterſprache nicht im Stande, in die Natur und das Weſen des menſchlichen Sprachbaues überhaupt tiefer einzudringen..

Wie war es aber möglich, möchte man hier mit Recht fragen, daß die Griechen ²), welche durch ihren Handel und ihre Kolonien mit einer Menge anders redender Völker in Berührung kamen, welche unter Alexander dem Großen Aſien bis an die Ufer des Indus und Jaxartes und Afrika bis an die Syrten durchwanderten und, indem ſie überall große Reiche gründeten, Ge⸗

¹) Ueber die Sprachwiſſenſchaft der Grammatiker bemerkt Benfey a. a. O. S. 150:Gelang es ihr nicht, eine tiefe und wahre Einſicht in die Sprache zu erlangen, ſo erreichte ſie es doch, den ganzen Umfang derſelben zum Bewußtſein und unter gewiſſe zwar nicht ſelten rein äußerlich, faſt willkürlich gewählte Kennzeichen zu bringen, gewiſſermaßen ſtatt des ihnen unzugänglichen natürlichen Syſtems ein künſtlich ge⸗ bildetes Linnéiſches aufzuſtellen und dadurch wenigſtens einer zukünftigen tieferen Erkenntniß den Weg zu bahnen.

²) Dasſelbe, was wir hier von den Griechen bemerken, gilt in ähnlicher Weiſe von den Römern, welche durch ihre Eroberungen in allen drei Theilen der damals bekannten Welt im Stande geweſen wären, eine Menge zum Theil mit der ihrigen nahe verwandter Sprachen genau kennen zu lernen.