Aufsatz 
Das Christenthum und die Sprache / Hermann Wedewer
Entstehung
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der myſtiſchen Gottinnigkeit. Die chriſtliche Myſtik wurde der bewegende Inhalt, der nicht nur die Proſa zu einer höheren Kunſt ausbildete, als es die deutſche Kanzlei vermochte, ſondern auch an der Sprache ganz neue und höchſt bedeutſame Elemente ent⸗ wickelte. Dies war das ſpekulative Weſen der deutſchen Sprache, das plötzlich in ihr zu ſchaffen anhub. Durch die Myſtik wurde die Sprache zum erſten Male in ihren metaphyſiſchen Grundkeimen angerührt und entfaltete die wunderbarſte Fähigkeit für den ab⸗ ſtrakten Gedanken. Dieſe Sprache der myſtiſchen Anſchauung wurde um ſo eigenthümlicher, da ſie das Ueberſinnliche, das ſie auszu⸗ drücken hatte, doch wieder in das ſinnliche Element der Poeſie tauchte und die ſpekulative Vorſtellung am Ende nur in Bildern am vollſtändigſten anzudeuten wußte. So geſtaltete ſich die erſte Proſa, die der Poeſie ebenbürtig war und doch auf einem ganz neuen und ihr eigenen Grunde ruhte. Das poetiſche Element dieſer Proſa wurde zugleich die wirkſamſte Polemik gegen die ſcholaſtiſche Verſtandesdürre des Jahrhunderts und durch ſie als Gegenſatz hervorgerufen. ¹)

Der erſte und bedeutendſte Vertreter dieſer Richtung iſt der Dominikanermönch Tauler, geb. 1294 in Köln und geſt. 1361 zu Straßburg. Seine Sprache charakteriſiert ihn zunächſt als den ſinnreichen Wortbildner, der ſich mit produktiver Kühnheit für neue Gedanken neue Beziehungen ſchuf. So ſchwankend auch ſeine Grammatik im einzelnen war, ein ſo feſtes und eigenthümliches Gepräge hatte ihr geiſtiges Weſen, das ſich dem myſtiſchen und abſtrakten Inhalte mit nicht geahnter Fügſamkeit anſchmiegte. Beſonders waren es die Wörter mit keit und heit, die den myſtiſchen Vorſtellungen auf eine neue Art dienten und zu ſchöpferiſchen Zuſammenſtellungen benutzt wurden, in denen Tauler mit großer Energie waltete. Solche Ausdrücke, wie Befind⸗

¹) S. Mundt a. a. O.