der Zeit erhielt, als der chriſtliche Geiſt alle Lebensverhältniſſe durch⸗ drang und auf allen Gebieten in Staat und Familie, in Wiſſenſchaft und Kunſt neue Bildungen hervorrief, noch viel bedeutender und unüberſehbar. Hängt doch die ganze reiche Kultur des Mittelalters mit dem Chriſtenthum eng zuſammen, iſt durch ſie gefördert und von ihr durchdrungen, ſo daß die damit gleichen Schritt haltende Entwicklung der deutſchen Sprache, wenn auch indirekt, vorzugs⸗ weiſe dem Einfluſſe des Chriſtenthums zuzuſchreiben iſt. Welche Blüten der Sprache rief der chriſtliche Geiſt nicht z. B. auf dem Gebiete der Poeſie hervor, wo Gedichte, wie der„Heliand“ in niederdeutſcher und ſpäter der„Parzival“ in hochdeutſcher Mundart zum erſten Male zeigten, welches Schwunges die deutſche Sprache fähig iſt, wenn ſie von den rechten Männern gehandhabt wird.
„Die Bibel und die Kanzlei“, ſagt mit Recht Th. Mundt ¹), „ſind die beiden hauptſächlichſten Lebensquellen deutſcher Sprache und Darſtellung, die Ausgangspunkte ihrer Geſchichte, die leiten⸗ den Sterne, die bei ihrer Geburt geleuchtet haben. Das religiöſe Element der deutſchen Nation bildete am meiſten auch ihre Sprache, und von der Bibelüberſetzung des Ulphilas bis zu der Luthers, in welcher ſich die verworrene Völkerwanderung deutſcher Mund⸗ arten zuerſt in ein feſtes und einheitliches Bett ergoß, hat das Chriſtenthum vorzugsweiſe unſere Sprache und Literatur in Bewegung geſetzt.“
Nachdem die deutſche Sprache auf dieſe Weiſe im IX., X., XI. und XII. Jahrhundert ſich mit einer Menge neuer Wörter bereichert hatte; waren es ſodann im XIII. und XIV. Jahrhunderte ganz beſonders die Myſtiker, welche ein nenes Leben in ihr an⸗ fachten.„Die Sprache des Waldes, der Liebe, der Träume, der Nachtigallen war mit Conrad von Würzburg in Deutſchland ver⸗ klungen; da erhob ſich die Sprache der ſtillen Zelle, der Andacht,
¹) S. Die Kunſt der deutſchen Pro.⸗ S. 148. 2*


