Aufsatz 
Das Christenthum und die Sprache / Hermann Wedewer
Entstehung
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mit dem Chriſtenthum meſſen, dieſer mächtigſten, weittragendſten, großartigſten Erſcheinung, welche je die Welt geſehen? Oder hat das Chriſtenthum nicht die Welt umgeſtaltet? Hat es nicht ein völlig Neues hervorgerufen in Erkenntniß, Sitte, Welt⸗ und Lebensanſchauung; hat es nicht wie mit ſchöpferiſchem Odem alle Gebiete des Daſeins angehaucht und neue Bildungen und Ord⸗ nungen geſchaffen? Dürfen wir daher nach Allem von vornherein einen außerordentlichen, umgeſtaltenden Einfluß des Chriſtenthums auf die Sprache annehmen; ſo frägt ſich jetzt: Welches ſind die Sprachen, auf die es vorzugsweiſe eingewirkt hat, und wie und worin tritt dieſe Einwirkung zu Tage?

Zur Zeit, als das Chriſtenthum in der Welt erſchien, herrſchten in den Ländern um das Mittelmeer, wo die Kultur der alten Welt ihren Hauptſitz hatte, die beiden klaſſiſchen Sprachen des Alterthums, die griechiſche und lateiniſche, und zwar jene im Orient, dieſe im Occident vor. Mit Recht iſt bemerkt worden, daß dieſe Ausbreitung zweier Sprachen über den gebildeten Theil der Erde nicht wenig zur raſchen Verbreitung des Chriſtenthums beigetragen habe, indem die Verkündiger deſſelben nun mit einer oder zwei Sprachen einen großen Theil der bewohnten Erde durch⸗ wandern konnten und überdieß die nationale Abſchließung der Völker damit durchbrochen war. ¹)

Die erſte Sprache nun, welche, von dem Frühlingshauche des neuen chriſtlichen Geiſtes durchdrungen, bedeutende Verände⸗ rungen erlitt, war die griechiſche oder richtiger helleniſtiſche, d. i. jener aſiatiſch⸗griechiſche Dialekt, als deſſen Grundlage die ge⸗ meinſame Schriftſprache aller Griechen, die ſich ſeit Alexander dem Großen und Ariſtoteles bildete, anzuſehen iſt. Wir möchten es als providentiell bezeichnen, daß gerade die griechiſche Sprache, das Meiſterwerk des ſprachbildenden Menſchengeiſtes, die ſich

¹) S. R. v. Raumerdie Einwirkung des Chriſtenthums auf die alt⸗ hochdeutſche Sprache. S. 152.