Aufsatz 
Das Christenthum und die Sprache / Hermann Wedewer
Entstehung
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Alles aber, was verändernd auf den Geiſt eines Volkes einwirkt, äußere und innere Ereigniſſe, Kriege, Kunſt und Wiſſenſchaft, übt dieſelbe Wirkung gleichzeitig auch auf die Sprache aus. So war z. B. die Völkerwanderung ein Anſtoß, der nicht nur der Sagen⸗ bildung unſeres Volkes eine andere Richtung gab, ſondern der vor allem auch auf die Sprachen der von dieſer Bewegung ergriffenen Völker einen umgeſtaltenden Einfluß übte. Als ſie gänzlich ab⸗ gelaufen war, ſtanden Sprachformen da, die man früher vergeblich ſucht*). Bekannt iſt ferner, daß die politiſche Blüte unſeres Volkes im Mittelalter, die Kreuzzüge und das Ritterweſen höchſt fördernd auf untere Sprache einwirkten, während in der ſpäteren Zeit der unglückliche 30jährige Krieg den ungünſtigſten Einfluß auf die deutſche Sprache äußerte. ²) Hiermit ſind wir an den Punkt gekommen, wo wir zur ſpeciellen Erörterung unſeres Themas übergehen können.

Stehen nämlich Volksgeiſt und Sprache in der engſten Be⸗ ziehung zu einander, und verändert jedes bedeutende Ereigniß, welches auf den Volksgeiſt einwirkt, nicht minder gleichzeitig auch die Sprache; ſo folgt daraus mit Nothwendigkeit, daß je groß⸗ artiger eine Begebenheit, je weitgreifender in ihren Folgen, je nachhaltiger in ihrem Einfluſſe auf den Geiſt der Menſchheit und der einzelnen Völker dieſelbe iſt, deſto bedeutender und tief gehen⸗ der auch ihre Wirkung auf die Sprache ſein wird. Welche Be⸗ gebenheit aber, welches Ereigniß könnte ſich in dieſer Beziehung

) S. Schleicher a a. O.

²2) Damals war es, wo unſere edele Sprache ſich von eingedrungenen Fremdlingen, namentlich der lateiniſchen und franzöſiſchen, ſo blenden und beherrſchen ließ, wie es vielleicht kein zweites Beiſpiel in der Geſchichte der Sprachen gibt. Sie nahm dieſe Ausländer in ihr Haus auf und nährte ſie nicht nur koſtenfrei, ſondern ſie ſtand auch hinter ihren Stühlen, auf denen ſie als Herren ſaßen und ihr Mark verpraßten. Es entſtand eine

unglaubliche Sprachmengerei, von der ſich unſere Sprache bis auf den heutigen Tag noch nicht völlig erholt hat. S. RinneDeutſche Styllehre. S. 97.